Von Adolf Metzner

Man kennt das Klischeeurteil über die Japaner: Geschickte, aber unproduktive Imitatoren. Für jene, die Asiens Kunst nicht zu differenzieren vermögen, schien dieses eilfertig aufgeklebte Etikett auch hier zu stimmen. Die Chinesen, die großen Lehrmeister – die Japaner, die kleinen Epigonen. Tatsächlich offenbart sich aber gerade in der japanischen Kunst das schöpferische Genie der Leute aus Nippon.

Und heute spüren auch die Industriellen Europas recht schmerzlich auf dem Weltmarkt, daß die Japaner schon mehr können als nur nachahmen, was sie, solange sie den Rückstand aufholen mußten, ohne Skrupel taten.

Auch im Sport paßte zunächst das Klischee. Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren Engländer und Amerikaner die Lehrmeister, und für die einzelnen Sportarten gibt es "Väter", die sie auf Nippons Inseln einführten. So wird heute in Japan mit Leidenschaft Baseball gespielt, das in Europa nie heimisch werden konnte, auch nicht nach 1945, als die amerikanischen Besatzungstruppen versuchten, es populär zu machen.

Aber schon seit einiger Zeit setzt auch im Sport ein umgekehrter Prozeß ein – altjapanische oder auch altchinesische Kampfkünste Würden von japanischen Lehrern zu Sportarten umgewandelt und traten den Siegeszug um die Welt an. Jigoro Kano, zum Professor ernannt – was in Japan nicht so schwer wiegt – machte aus dem Jiu-Jitsu eine Sportart: Judo, was "sanfter Weg" heißt. 1960 stand Judo sogar auf dem olympischen Programm. Zum Kummer der ganzen Nation siegte in der freien Klasse kein Japaner, sondern ein riesiger Holländer, der aber, – ein schwacher Trost – sein Handwerk in Japan gelernt hatte.

Als ich 1958 zum erstenmal durch Japan reiste, faszinierten mich gerade die alten Kampfkünste; Sumo, der altjapanische Ringkampf, verhexte mich derart, daß ich aus der Halle in Osaka nicht wegzukriegen war. Kyudo – die Kunst des Bogenschießens, von deutschen Professoren wie Herriegel und Graf Dürckheim noch mit einer eigenen Aura versehen, verzauberte mich, und selbstverständlich stattete ich auch im Kodakan, dem riesigen Judozentrum Tokios, dem Sohn Kanos einen Besuch ab, den dieser mit steifer Würde gnädig entgegennahm.

Aber besonders hatte es mir die Dynamik der Demonstration einer Sportart, Karate genannt, angetan, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Die Bekanntschaft verdanke ich, wie manch andere Kenkichi Oshima, dem früheren Weltrekordmann im Dreisprung und späteren Chef de Mission der japanischen Olympiamannschaft. Bei den Vorführungen, bei denen die Kontrahenten in ähnlicher Kleidung wie die Judokas auftraten – derbe reißfeste helle Jacken, die mit einem farbigen Gürtel gehalten werden, und langen weißen Hosen – wurde mir klar, daß ich es hier mit einem Enkelkind des chinesischen Boxens zu tun hatte, bei dem, wie beim Pankration der alten Griechen, mit Händen, Fäusten und Füßen gleichermaßen zugeschlagen wurde.