Von Walter Koenig

Dem Skiläufer und Bergfreund fehlt heute jegliche Vorstellung dafür, daß Ovid einstmals nur mit Schaudern der "stürmischen Alpen" gedachte, Livius ihre "Scheußlichkeit" brandmarkte, und Silicus Italicus sich gleich Strabo und Ammian von ihren Schrecken abgestoßen fühlte, von ihren wüsten Schneemassen, von ihrer sich in die Wolken verlierende Höhe, wo der "häßliche" Winter seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Solche und ähnliche Ansichten vererbten sich durch das Mittelalter und die neue Zeit bis tief in das 18. Jahrhundert hinein. Keiner der deutschen Reisenden, welche die damals unwegsamen Hochgebirge durchquerten, stimmte je ein Loblied auf die Alpenlandschaft an. Das war späteren Generationen vorbehalten. Sie taten es dafür mit um so größerem Enthusiasmus. Aber die Bewohner der Alpen ließen noch lange ihre Felsberge unangetastet, geschweige, daß sie daran dachten, dafür geeignete Formationen mit Ski zu besteigen und über damals noch restlos unberührte Hänge wieder abzufahren. Mit derlei "Unfug" machten erst um die Jahrhundertwende herum alpennahe Städter in bescheidener Zahl den Anfang. Kurioserweise hatte Nansens vorausgegangene Grönland-Durchquerung auf Ski dazu den Ansporn gegeben.

Wir jungen Münchner – etwas zerzaust aus dem Ersten Weltkrieg zurück – überwanden diesen Zustand rasch und machten uns recht bald daran, auch im Winter in die Alpen zu fahren. Mit wenig Geld in der Tasche, primitiv ausgerüstet, spartanisch anmutender Verpflegung im Rucksack und mit einer geradezu naiv anmutenden alpinen Erfahrung, begann ab Garmisch-Partenkirchner Bahnhof für uns der endlos wirkende Anmarschweg durchs Raintal, steil hinauf zur Knorrhütte, weiter aufs Zugspitzplatt, über das mit Ski gar nicht so leicht zu überwindende Gatterl, dann auf Tiroler Boden hinunter nach Ehrwald, schon eine ganz hübsche Leistung, welche je nach Schneebeschaffenheit acht bis zehn Stunden Spuren erforderlich machte, denn wir waren weit und breit allein. Berggefahren überwanden wir "autodidaktisch", wobei es schon handfester Schutzengel bedurfte, um ausgesprochene Lawinenkessel ungeschoren zu passieren. Aber wir begriffen es nach und nach. Vor allem eines: daß gegenüber Naturgewalten Mut keine Rolle spielt, Überlegung und Vorsicht am Platze sind. Später lernten wir mit Professor Dr. Wilhelm Paulcke aus Freiburg, den Klassiker unter den Schnee- und Lawinenforschern kennen, was wesentlich dazu beitrug, daß wir über die Entstehungsursachen von Lawinen und ihre furchtbaren Wirkungen nachdachten und uns in der alpinen Gefahrenzone entsprechend vorsichtig verhielten. Mithilfe bei der Suche von Verschütteten war aber für uns die nachhaltigste Lehre.

Bergbahnen, Lifts und ein großes Hotel haben die Situation auf dem Zugspitzplatt wesentlich verändert. Dieser etwa acht Quadratkilometer große Gletscherrest in einer Höhe von 2200 bis 2800 Meter, wirkt bei gutem Wetter ausgesprochen gefahrlos, fast lieblich, kann aber bei Nebel, Schneetreiben und Sturm zu einer weißen Hölle werden. Schon mancher, der dann die Richtung verlor, kam zwischen dem Wetterwandeck und der Zugspitze erschöpft ums Leben. An Wochenenden, vor allem dann, wenn in niedrigeren Lagen kein Schnee mehr vorhanden ist, werden dort über zweitausend Skifahrer und brettellose Sonnenhungrige gezählt. In der Hauptsache bevölkern sie den Bereich der Hotels und benutzen die verschiedenen Lifts. Hinauf befördert werden sie durch die bayerische Zahnradbahn, mit den bayerischen Großgondeln und den kleineren der Tiroler Seilbahn. Ein Dorado alpiner Bequemlichkeit, ein Geschäft für alle, die es bedienen. Wer schnell genug ist und Glück hat, schafft die Strecke vom Münchner Marienplatz bis hinauf zum Hotel Schneefernerhaus in drei Stunden. Und nach einer meist nur kurzen Brotzeit kommt es darauf an, möglichst rasch braun zu werden.

So erklärt es sich deshalb, daß die ungeheure Schneelast (dreißigtausend, vierzigtausend, vielleicht fünfzigtausend, Tonnen Feuchtschnee) seit Wochen auf dem steilen Südhang der Zugspitze über dem Hotel kaum von jemand beachtet wird, obwohl sie doch einem Menetekel gleicht. In diesem abnormen Winter, der selbst in der zweiten Aprilhälfte noch tagelanges Schneetreiben brachte, war es am 15. Mai 1965, um 13 Uhr dann soweit. Das Gewicht des Schnees überwand seine Haftfähigkeit am Hang. Eine gewaltige Lawine löste sich und – wahrscheinlich fanden 10 Menschen den Tod. Keine leichtsinnigen Skitouristen, sondern Menschen die auf einer Sonnenterrasse lagen in Liegestühlen, für die sie eine Gebühr bezahlt hatten. Sie wähnten sich absolut sicher im Schutze solcher Organisation. Die Ermittlungen des Staatsanwaltes sind seit dem Katastrophentag im Gang. Fast während des ganzen Winters wurde vor Lawinen auch in den bayerischen Alpen gewarnt, aber – wie dieser extreme Fall zeigt – wurde tauben Ohren gepredigt. Was hätte hier geschehen müssen? Entweder rechtzeitiges Sprengen des gesamten Südhanges der Zugspitze oder rigoroses Absperren der in der Gefahrenzone liegenden lawinengefährdeten Hotelterrassen und des Geländes unterhalb des Hotels. Aber dort fuhren noch die Gondelbahn und die Lifts, während die Schneemassen schon herabdonnerten. Geschäft bis in den Tod ... Niemand war für Abhilfe zuständig; niemand warnte mit Erfolg. Auch der Mangel an Initiative scheint grenzenlos zu sein. Und die Geduld eines Berges geht angesichts von so viel sorgloser Torheit einmal zu Ende.