SED und die Queen – Seite 1

Berlin, im Mai

Den Besuch der Königin Elizabeth in der Bundesrepublik und vor allem in Berlin registriert die SED-Führung mit wachsendem Unwillen. Sie hatte die Feiern zum 20. Jahrestag des Kriegsendes ganz auf eine Isolierung der Bundesrepublik abgestellt. Nun aber hat die britische Monarchin und die Politik ihrer Regierung der SED das Konzept verdorben. Die Ostberliner Enttäuschung ist um so größer, da man gerade auf die Labour-Regierung Hoffnung gesetzt und jahrelang den Kontakt mit Labour-Abgeordneten, vor allem des linken Flügels, gepflegt hatte.

Der Berlin-Besuch der Königin paßt der SED besonders wenig ins Konzept. Vor kurzem erst protestierten die Regierungen der UdSSR und DDR gemeinsam gegen eine Bundestagssitzung in Berlin; jetzt gestattet die britische Regierung, daß Großbritanniens Königin in Berlin gemeinsam mit dem Bundeskanzler auftritt.

Die SED ist durch sowjetische Schulung daran gewöhnt, solche protokollarischen Ereignisse wichtig zu nehmen; und es fällt ihr ziemlich schwer, den Widerspruch zwischen der Drei-Staaten-Theorie und dem, was sich wirklich ereignet, Funktionären und Bürgern der DDR zu erklären. Jeden Abend sitzen die Fernseher in der DDR vor ihren Geräten und erleben die Reise der Königin. Dem Glanz dieses Festes ist keine SED-Schulung gewachsen.

Nach Leitartikeln unter dem Motto "Mißbrauch der Königin" überläßt die östliche Agitation es nunmehr der Poesie, die schlechte politische Laune darzutun. Im "Neuen Deutschland" durfte Hans Krause unter dem Titel "God save the spieen" folgende Verse schreiben:

"Wenn die Queen kommt, kommt sie beispielsweise

nicht nur zum Five-o’clock-tea-Stelldichein,

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es gibt gewisse Gründe für die Reise,

doch wird ein English Waltz in diesem Kreise

wohl für die Völker kaum von Nutzen sein."

RenéBayer