Von JohannesJacobi

Was einmal als "deutsche Theaterolympiade" etwas hochtönend gefordert worden ist, ging jetzt als "Berliner Theaterwettbewerb 1965" über die Szene. Im vorigen Jahr hatte ein erster Versuch zu der Anregung geführt, die überfüllten Berliner Festwochen von den auswärtigen Theatergastspielen zu entlasten. Als eine eigenständige Unterabteilung der Festwochen sollte das, was mit dem "Theaterwettbewerb" gemeint ist, zugleich einen stärkeren Akzent bekommen. In diesem Sinne gastierten vom 12. bis 23. Mai fünf Schauspielbühnen aus der Bundesrepublik mit sechs Inszenierungen in Berlin. München und Wien hatten abgesagt.

Was gemeint und weiterführender Überlegung wert ist, das trat am leuchtendsten an den beiden letzten Abenden in Erscheinung. Da wurde vom Darmstädter Landestheater "Doña Rosita oder Die Sprache der Blumen", Federico Garcia Lorcas Granadiner Dichtung, aufgeführt.

Hilde Mikulicz spielte die Titelrolle, Constanze Mentz und Heinrich Troxbömker waren Tante und Onkel, Sonja Karzau die Haushälterin. Ein Beifallssturm prasselte schon nach dem ersten Akt gegen den geschlossenen Vorhang. Im zweiten Aufzug war das Amüsement der Zuschauer bei offener Szene vernehmbar. Der Regisseur Hans Bauer hatte (in, beispielhaft knappen und doch poesievollen Bühnenbildern von Ruodi Barth) auch den köstlichen Kitsch der Gesellschaftsattitüde von 1900 präzis inszeniert: distanziert gegenüber dem Gefühligen und doch nicht parodistisch, gestützt von der Lisztnahen Musik Mark Lothars.

Solche Theaterleistungen in Berlin sichtbar zu machen, sie demonstrativ auszuzeichnen, das kann der Sinn eines maßstabsetzenden Unternehmens sein. Es stellt Verbindungslinien zwischen den deutschsprachigen Theatern her. Denn es ist weder allgemein bekannt, noch wissen es die Theaterbesucher zu Hause immer richtig einzuschätzen, daß unter Gerhard F. Herings Leitung das Darmstädter Landestheater immer wieder deutsche Spitzenleistungen hervorbringt. Die Lorca-Inszenierung Bauers erreichte die Nähe der unvergeßlichen deutschen Erstaufführung dieses Stücks unter Jürgen Fehling mit Joana Maria Gorvin am Münchner Brunnenhof-Theater.

Schlimmes passierte dem Frankfurter Städtischen Schauspiel. Es mußte die "Hamlet"-Inszenierung des Generalintendanten Harry Buckwitz mit einer wichtigen Umbesetzung geben. Der Darsteller des Königs Claudius, Siegfried Wischnewski, hatte so kurzfristig abgesagt, daß der herbeigeholte Ersatz zur Katastrophe führte.

Über die Inszenierung ließe sich reden, und Michael Degen ist ein interessanter, wenn auch noch zu einschichtiger Hamlet. Den hilfreichen Gast aus Essen, der den Claudius spielte, hat man einem Gelächter ausgesetzt, das – absolut bewertet – gerecht war und doch sehr undankbar. Kompromisse solcher Art darf es bei einer als Spitzenveranstaltung geplanten Aufführung nicht geben. Lieber verzichte man.