In letzter Minute ist die Tagesordnung der Preußag-Hauptversammlung noch um einen wichtigen Tagesordnungspunkt ergänzt worden. Vorgeschlagen wird eine Erhöhung des Grundkapitals um 25 auf 225 Millionen Mark (also im Verhältnis 8 : 1). Die neuen Aktien werden nicht – wie es üblich ist – den Aktionären zum Bezug angeboten, sondern allein der Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-AG, (Veba), die auf diese Weise ihre Beteiligung an der Preußag von 17,35 auf 25 Prozent erhöht. Bis zur Privatisierung der Preußag war die Veba Alleinaktionär.

Diese Transaktion birgt gesellschaftspolitischen Sprengstoff! Denn schließlich ist sie – vom reinen Eigentumsstandpunkt aus betrachtet – ein Rückschritt auf dem Wege der Privatisierung von Bundeseigentum. Darüber kann auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß der Bund in den nächsten Wochen seinen Kapitalanteil an der Veba auf 51 Prozent zurückführt. Dieser Anteil genügt aber dem Bund, um weiterhin bei der Veba die Weichen zu stellen.

Über diese Problematik waren sich sowohl die Veba als auch die Preußag durchaus einig, als sie die Kapitaltransaktion paraphierten. Sie haben deshalb alle nur erdenkbaren Sicherungen eingebaut, um die Kapitalerhöhung unter Ausschluß des gesetzlichen Bezugsrechtes der Aktionäre nicht als Re-Verstaatlichung erscheinen zu lassen. Um zu dokumentieren, daß die Erhöhung der Veba-Beteiligung an der Preußag nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen angestrebt wird und nicht einer größeren Einflußnahme dienen soll, hat die Veba auf die Entsendung von zwei der ihr bisher nach der Satzung zustehenden vier Mitglieder in den Aufsichtsrat verzichtet. Ferner bleibt die in der Satzung festgelegte Stimm rechtsbeschränkung, nach der das Stimmrecht auf die Anzahl von Stimmen beschränkt ist, die Aktien mit einem Gesamtnennbetrag in Höhe von einem Tausendstel des Grundkapitals gewähren, für die Veba auch nach der Anteilserhöhung bestehen. Schließlich hat die Veba bindend erklärt, daß sie das Zustandekommen von Hauptversammlungsbeschlüssen, die eine Mehrheit von drei Vierteln des vertretenen Kapitals erfordern, nicht hindern wird.

Es ist deshalb der Veba zu glauben, daß sie mit der Abrundung ihres Paketes auf 25 Prozent keine machtpolitischen Ziele verfolgt. Es ist ferner davon auszugehen, daß die Verpflichtungen, die ihr im Zusammenhang mit der Bildung einer Schachtelbeteiligung auferlegt wurden, ausreichen, um eine Benachteiligung der Preußag-Aktionäre auszuschalten. Wenn dennoch ein schlechter Nachgeschmack bleibt, dann geht er darauf zurück, daß die vertragliche Verankerung der Stimmrechtsbeschränkung den Weg verbaut, die Preußag-Aktie zu einer Normalaktie zu machen.

Natürlich gehen die Meinungen auseinander, ob das überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist oder ob es nicht als Vorteil angesehen werden kann, wenn die Bildung einflußstarker Pakete für alle Zeiten ausgeschlossen bleibt. Darüber müssen die Preußag-Aktionäre selbst entscheiden. Für das deutsche Aktienwesen sind die unterschiedlichen Stimmrechtsbeschränkungen, wie man sie mit der Gründung von "Volksaktiengesellschaften" eingeführt hat, im höchsten Grade verwirrend und bedenklich. Das Ziel sollte sein, einheitliche Aktienkategorien zu schaffen, in denen jeder Aktie die gleichen Rechte und Pflichten anhaften. Den Stimmrechtsbeschränkungen bei den "Volksaktiengesellschaften" ist für eine Übergangsfrist durchaus zuzustimmen, aber eine Dauerlösung sollten sie keinesfalls sein.

Geht man jedoch über diese Bedenken allgemeiner Natur hinweg, so liegt die jetzt den Preußag-Aktionären vorgeschlagene Kapitalerhöhung im Interesse aller Beteiligten. Für die Veba ist das Preußag-Paket von jetzt 17,35 Prozent völlig uninteressant, denn dadurch entstehen ihr Steuerlasten, die mehr als drei Viertel der von der Preußag empfangenen Dividende aufzehren. Auf die Dauer würde also das jetzige Preußag-Paket für die Veba-Aktionäre zu einer unzumutbaren Belastung werden.

Von der Veba ist wiederholt die Bereitschaft erklärt worden, die Preußag-Beteiligung zu veräußern. Aber an wen und zu welchem Preis? Wer kauft heute Preußag-Aktien, ohne damit an Einfluß auf die Unternehmensführung zu gewinnen? In Frage kämen höchstens Kleinanleger. Die Veba müßte also ihre Papiere nach und nach über die Börse veräußern. Allein schon das Bekanntwerden der Verkaufsabsicht würde den Preußag-Kurs unter Druck setzen, womit weder der Veba noch den jetzigen Preußag-Aktionären gedient wäre.