Daß die britische Königin bei ihrer Ankunft in Koblenz von Blüchers berühmten "Rhein-Übergang" sprach, ist ihr in Frankreich übelgenommen worden. Das Massenblatt "Paris presse" nennt diese Erinnerung an die deutschenglische Waffenbrüderschaft "une gaffe monumentale"‚ "eine ungeheuerliche Taktlosigkeit", während der "Figaro" immerhin noch von einem "kleinen Zwischenfall" spricht.

Jedermann weiß, daß Elizabeth II. nicht das Recht hat, ihre Ansprachen zu improvisieren. Die französischen Vorwürfe richten sich also an London, wo man sich in der Tat anschickt, die hundertfünfzigste Wiederkehr des Tages zu feiern, an dem Wellington und Blücher bei Waterloo den "Hundert Tagen" Napoleons ein Ende setzten.

Der Augenblick ist günstig für eine Zwischenbemerkung.

Es ist leichter, Jubel zu erzeugen, als Freude hervorzurufen. Und nirgends werden Gedenktage so spontan gefeiert, wie es den Anschein hat. Haben die Franzosen nicht gerade eine ganze Serie von Siegesjubeltagen hinter sich? Sicherlich hatten wir keinen Anlaß, in dieser monumentalen Demonstration une gaffe gegenüber uns Deutschen zu sehen. Staatschef de Gaulle wollte das nationale Selbstbewußtsein gestärkt sehen, sonst nichts. Aber wenn dem so ist – warum dann französische Empfindlichkeit, sobald in England das Wort "Waterloo" fällt?

Obwohl von dieser Empfindlichkeit nicht frei, macht die konservative Pariser Zeitung "Le Figaro" einen radikalen Vorschlag: "Wäre es nicht Zeit, daß die Staaten Europas einen Schlußpunkt setzten unter die Erinnerungen an ihre Kämpfe, indem sie die Gedächtnisfeiern an die Siege abschafften, die sie übereinander davontrugen, und dies in einem Augenblick, wo das Ziel der Politik darin bestehen sollte, Europa zu schaffen?"

Uns liegt daran, im Anschluß an das vernünftige Wort aus französischem Munde zu sagen: Uns liegt nichts an Waterloo! J. M.-M.