Von Werner Höfer

Es ist weniger als ein Skandal und mehr als eine Affäre, was sich an ideologischem Donnerwetter in Köln über der Deutschen Welle, dem bundesrepublikanischen Kurzwellen-Informationsdienst für das Ausland, vor allem für Übersee, zusammenbraute: die Affäre Goldenberg. Und interessanter als der „Fall“ ist das Schicksal Goldenbergs. Der kleine lebhafte Mann, der seinen, kubanischen Paß, obwohl nur eine Zufallsfügung ihn ihm auf seiner Welt-Odyssee in die Tasche gespielt hatte, durch Temperament und Teint rechtfertigen könnte, hat Widersprüchlicheres erlebt und überlebt, als manche der abenteuerlichen Gestalten unseres Jahrhunderts in ihrer Selbstbiographie aufweisen können.

Daß er jetzt Verdächtigungen ausgesetzt und um Rechtfertigung bemüht ist, verdankt er zwei weit auseinanderliegenden Entscheidungen: Er hat sich vor mehr als einem Menschenalter zum Kommunismus bekannt und sich in diesen Tagen bei der Deutschen Welle verdingt, deren „Zonenredaktion Südamerika“ er leitet. Ihm wird nun vorgeworfen, er habe Sendungen veranlaßt oder zugelassen, in denen südamerikanische oder deutsche Staatsmänner diskriminiert worden seien; ihm wird nachgesagt, eine Delegation lateinamerikanischer Bischöfe nicht empfangen zu haben und nach wie vor kommunistischen Neigungen zu huldigen.

Diese Vorwürfe wurden von dem Intendanten der Deutschen Welle, Dr. Hans-Otto Wesemann, und vom Verdächtigten selber im ganzen zurückgewiesen und im einzelnen widerlegt. Das Porträt dieses Mann zu zeichnen und seine Geschichte zu rekonstruieren, bedeutet, tragikomische Kapitel aus einer ungewöhnlichen Lebensbeschreibung zu Papier zu bringen.

„Der Vorname Boris läßt darauf schließen ...“ „... daß ich in Rußland geboren bin. Das stimmt! 1905, in der Stadt, die damals noch St. Petersburg hieß.“

„Der Familienname Goldenberg...“

„... läßt nicht darauf schließen, daß meine Eltern Deutsche waren. Sie waren Russen und Juden. Mein Vater war Anwalt.“

„Wie sind Sie nach Deutschland gekommen? Wie sind Sie Deutscher geworden?“

„Ich bin nie Deutscher gewesen, sonst lebte ich vielleicht nicht mehr. Wäre ich jemals Deutscher gewesen, wäre es leichter, nun die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Nach Deutschland kam ich 1914, als Neunjähriger, mit meiner Mutter, die in Berlin zum zweitenmal heiratete, wieder einen Anwalt, wieder einen Juden. In Berlin besuchte ich das Gymnasium. In Berlin trafen wir uns nach der russischen Revolution wieder, meine Mutter und mein Vater, meine Stiefmutter und mein Stiefvater. Die beiden Väter hatten im Ersten Weltkrieg gegeneinander gekämpft, der eine auf russischer, der andere auf deutscher Seite.“

„Kamen Sie so zum Kommunismus, wie in den ersten Nachkriegsjahren die jungen Menschen zu dieser Partei kamen: angezogen von verführerischen Weltverbesserungsideen, angelockt vom vermeintlichen ‚Linksdrall des Geistes’?‘

„Das mag mitgespielt haben. Gewiß wollten die jungen Intellektuellen jener Jahre dazu beitragen, daß nach diesem Krieg alles anders, alles besser werden sollte. Der Kommunismus hatte es verstanden, sich als ein Weg zur Erreichung dieses Zieles interessant zu machen.“

„Kommunist zu sein, mag ein Bekenntnis bedeuten; es ist aber kein Beruf.“

„Weil ich die Welt verbessern wollte, wollte ich erst einmal die Menschen bessern. Deshalb kam mir der Gedanke, Lehrer zu werden. Zuerst einmal habe ich studiert, in Berlin, Freiburg, Heidelberg: Soziologie bei Alfred Weber, Philosophie bei Karl Jaspers, Geschichte bei Willy Andreas.“

„Sie waren also Student und Kommunist?“

„Student war ich länger als Kommunist, denn 1929 wurde ich aus der Partei ausgestoßen. Später schloß ich mich der Sozialistischen Arbeiterpartei an.“

„Wie überstanden Sie, doppelt gefährdet, die Machtübernahme?“

„Nicht gerade mit heiler Haut, aber immerhin besser als viele meiner Freunde. Verhaftungen und Mißhandlungen waren – vergleichsweise – noch das geringere Übel. Da ich durch meinen in Berlin lebenden russischen Vater Verbindungen zur französischen Botschaft hatte, gelang es mir, nach Frankreich zu entkommen. Als die Deutschen einmarschierten, wurde ich nicht interniert, weil ich kein Deutscher war. Ich wurde aber auch nicht eingezogen, weil ich noch Russe war. Ich bekam aber auch kein Visum für Amerika, weil ich als Kommunist galt. Die Bemühungen einer amerikanischen Bekannten verhalfen mir jedoch zur Flucht auf einem portugiesischen Dampfer nach Kuba.“

„So sind Sie Kubaner geworden und geblieben.“

„Einen kubanischen Paß bekam man automatisch nach fünfjährigem Aufenthalt. Russisch und Deutsch, Französisch und Englisch konnte ich. Nun mußte ich noch Spanisch lernen. An einer amerikanischen Schule in Havanna erteilte ich Unterricht in Philosophie, Geschichte und Französisch.“

„Und dann kam Castro.“

„Meine amerikanischen Freunde hielten ihn erst für den Retter des Landes. Mir graute gleich vor ihm. Als er sich noch nicht zum Kommunismus bekannte, aber bereits totalitäre Methoden anwandte, 1960, ging ich nach London. Dort lebte meine Mutter. Dort habe ich zum zweitenmal geheiratet. Meine erste Frau ist Ärztin in New York. Meine zweite Frau war BDM-Mädchen im Sudetenland und hatte an Adolf Hitler geglaubt. Unser Kind ist Untertan der englischen Königin. Mein Vater ist in Auschwitz umgekommen. Mein Bruder ist in Algerien für Frankreich gefallen, als Opfer eines OAS-Anschlags. Ich lebe mit einem kubanischen Paß, den mir im Augenblick keiner nehmen, aber auch keiner ersetzen will, in Köln. Ich durfte den Bundespräsidenten auf seiner Südamerika-Reise begleiten und muß mich nun gegen Vorwürfe verteidigen, die absurd sind.“

„Man wirft Ihnen auch vor, mit Willy Brandt befreundet zu sein, und dieser Freundschaft sollen Sie Ihre Kölner Position verdanken?“

„Mit Willy Brandt bin ich befreundet, aus den Jahren der Pariser Emigration. Meine Kölner Position verdanke ich wohl dem Umstand, daß man mich in südamerikanischen Angelegenheiten im allgemeinen und im Umgang mit dem südamerikanischen Kommunismus im besonderen für nicht ganz unkompetent hält.“

„Diese Kompetenz kommt auch Ihren Kommentaren zugute...“

„Meine Kommentare werden von meinen Kritikern offenbar nicht gehört, zumindest werden sie nicht zitiert.“

Dr. Boris Goldenberg, Ex-Kommunist, kubanischer Anti-Fidelist, legt zwei Beispiele aus der jüngsten Zeit auf den Tisch. Da heißt es in einem Kurzkommentar, den er über „die kolumbianischen Banditen und die nützlichen Idioten“ schrieb:

„Eine Gruppe französischer Intellektueller, unter denen sich natürlich Herr Sartre befindet, hat an die Regierung Kolumbiens einen Brief gesandt, in dem sie gegen die angeblich vom nordamerikanischen Imperialismus bestimmten Verfolgungen protestierten, denen die Revolutionäre und Bauern Kolumbiens ausgesetzt sind. Eben kommen schreckliche Berichte darüber, wie die sich offiziell zum Kommunismus bekennenden, aus ihren Schlupflöchern vertriebenen Banditen der ehemaligen unabhängigen Republik El Pato 800 Geiseln mit sich durch den Urwald schleppen und jene töten, die sich ihnen widersetzen. Das sind jene Menschen, zu deren Gunsten die Salonrevolutionäre der komfortablen Pariser Cafés protestieren – dieselben Leute, die nie ihre Stimme gegen irgendwelche Grausamkeiten erheben, die von Kommunisten verübt werden. Die Kommunisten pflegen solche Verbündeten offiziell zu feiern. Insgeheim aber bezeichnen sie sie mit einem weit richtigeren Namen, der in Lateinamerika weit – verbreitet ist: ,Nützliche Idioten‘...“

In einer für lateinamerikanische Hörer bestimmten Erläuterung des Problems der Verjährung von NS-Verbrechen sagte Boris Goldenberg:

„Wer Gelegenheit hatte, die geradezu ergreifende Sitzung des deutschen Bundestages zu hören – eine Sitzung, die dem Parlament zur höchsten Ehre gereicht –, der weiß, daß in den langen Debatten kein einziger Pro-Nazi gesprochen hat, daß kein einziger der Redner seinen Abscheu vor den Greueltaten der Nazibarbarei verheimlichte, die seinerzeit im Namen des deutschen Volkes begangen wurden. Unverschämt sind die Lügen der Kommunisten, die das Gegenteil behaupten und die bei jenen Glauben finden können, die über die wahre Sachlage nicht informiert sind.“

Soweit die Zitate.

„Herr Dr. Goldenberg, es gibt in Deutschland nicht wenige Menschen, die sicherlich so lange und so überzeugt Nationalsozialisten waren, wie Sie Kommunist gewesen sind. Die Leute nehmen heute das ‚Recht auf politischen Irrtum‘ für sich in Anspruch.“

„Das mögen sie tun, und ich gestehe es ihnen zu, weil ich weiß, wie schwer es war, ‚in jenen Jahren‘ weiterzukommen, ohne mitzumachen. Aber das ‚Recht auf politischen Irrtum‘ sollte jeder für jeden gelten lassen.“