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Euch die nächsten sechs Monate kein Kündigungsschutz besteht“ und schlimmer noch, „daß für Euch die alten Vorgabezeiten nicht mehr gelten, sondern die neuen, gekürzten“.

Nur etwa 60 von 700 entlassenen Arbeitern wagten es daraufhin, das Werksgelände wieder zu betreten und sich erneut unter das „Joch“ der „Brettener Besatzungsmacht“ zu begeben. Das Gros der Entlassenen aber machte sich zum nahegelegenen „Gasthaus Engel“ auf, wohin die Gewerkschaft zu einer „Informationsversammlung“ eingeladen hatte.

Da saßen sie nun an langen, blanken Tischen und trösteten sich mit einer Flasche Bier – und dem Versprechen der IG Metall, am kommenden Freitag würde die erste „Unterstützung für Gemaßregelte“ im Gewerkschaftshaus ausgezahlt werden. Mit brausendem Applaus wurde die pathetische Versicherung des IG-Metall-Sprechers quittiert: „Die IG Metall ist bei Euch – mit Euch – um Euch!“

Den stärksten Beifall löste die Ankündigung aus, der Geschäftsführung der Firma Junker & Ruh drohe wegen Rechtswidrigkeit und Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz eine Geldstrafe von 5000 Mark oder Gefängnis bis zu sechs Monaten. Im Geiste sahen die Monteure, Former, Gießer, Putzer und Werkzeugmacher ihren Boß und „Peiniger“ schon hinter schwedischen Gardinen sitzen und bußvolle Reuetränen vergießen.

Allein Alfred Neff zeigte sich von derlei Drohungen nicht im geringsten beeindruckt, als wir ihn wenig später in seinem Geschäftszimmer in der Industrie- und Handelskammer aufsuchten. „Lieber verzichte ich auf 30 Millionen Umsatz, als daß ich mich der Diktatur der Gewerkschaften beuge“, bekannte er. Er habe sich die Zusammenarbeit mit der Belegschaft des Karlsruher Werks wahrhaftig anders vorgestellt. Und wie zum Beweis dessen fügte er hinzu, daß er von vier Millionen Nettogewinn im vergangenen Jahr eine Million an seine Leute in Bretten und Durlach ausgeschüttet habe. Die Klassenkampfparolen, wie sie von der IG Metall immer noch im Munde geführt werden, gehören seiner Meinung nach endgültig der Vergangenheit an.

Der gleichen Ansicht war offensichtlich auch der Amtsrichter in Bretten, bei dem der Verband württemberg-badischer Metallindustrieller eine Einstweilige Verfügung gegen die Einberufung einer weiteren gewerkschaftlichen Massenkundgebung am Wochenende erwirken konnte. Den IG-Metall-Funktionären wurde vom Gericht eine Geldstrafe von 250 000 Mark angedroht, wenn sie ihre Leute aufmarschieren lassen sollten.