Hochhuthprosa oder historische Forschung

Von Hans Müller

Guenter Lewy: Die katholische Kirche und das Dritte Reich. Aus dem Amerikanischen von Hildegard Schulz; Piper Verlag, München; 435 Seiten, 24,– DM.

Die Diskussion um das Buch Guenter Lewys „Die katholische Kirche und das Dritte Reich“ begann längst, bevor es in Deutschland der Allgemeinheit zugänglich war. Veranlaßt durch den Vorabdruck im „Spiegel“ wurde das Buch scharf kritisiert, auch von Leuten, die es weder in der deutschen noch in der englischen Ausgabe in der Hand gehabt, geschweige denngelesen hatten. Das kann den, der die Auseinandersetzung der letzten Jahre um dieses Thema verfolgt hat, allerdings nicht verwundern; gewissen Kreisen im deutschen Katholizismus wäre es offensichtlich lieber, wenn die alten und so bequemen Legenden erhalten blieben.

Lewy zeigt zunächst, wie die „Kirche“ – vor allem Bischöfe, Priester und Verbände versteht er darunter – sich vor der Machtergreifung und im Jahre 1933 zum Nationalsozialismus verhalten hat. Ähnlich wie gegenüber dem Linksradikalismus wollte zunächst der Episkopat gemeinsam gegen den Nationalsozialismus Stellung nehmen. Die Ansichten der Bischöfe über diese neue Bewegung gingen jedoch so weit auseinander, daß eine gemeinsame Kundgebung nicht zustande kam. So gab es schließlich fünf verschiedene Hirtenschreiben, die im Ton wie in der Schärfe der Verurteilung durchaus unterschiedlich waren. Alle Bischöfe wandten sich jedoch ausschließlich gegen das kulturpolitische Programm der Nationalsozialistischen Partei.

Nachdem Hitler dann in seiner Regierungserklärung vom 2. März 1933 den Kirchen – zwar in recht unbestimmten Wendungen – die Respektierung ihrer kulturpolitischen Interessen zugesagt hatte, beeilte sich der Episkopat, die Warnungen vor der Partei zurückzunehmen, um so ein friedliches Verhältnis mit der neuen Regierung zu schaffen. Auch der Heilige Stuhl ging auf die Anregungen Hitlers ein und schloß mit dem Dritten Reich das Reichskonkordat ab.

Beide Teile schienen beruhigt zu sein: Im Innern hatte Hitler vorerst genug mit den Kommunisten und Sozialdemokraten zu tun; deshalb war er froh, erst einmal einen weiteren Gegner friedlich ausgeschaltet zu haben. Außenpolitisch war das Konkordat ein bedeutender Prestigegewinn.

Erfolgloser Kampf

Die Bischöfe ihrerseits hofften, auf diese Weise den Bestand ihrer Institutionen vor der Gefahr der Vernichtung durch den Nationalsozialismus erst einmal gerettet zu haben. Im deutschen Katholizismus schlug deshalb die Freude über den vermeintlichen Erfolg hohe Wellen. „Was die alten Parteien und Parlamente in sechzig Jahren nicht fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten weltgeschichtlich verwirklicht“, schrieb Kardinal Faulhaber bei der Unterzeichnung des Reichskonkordates an Hitler. Es prasselte von allen Seiten Treuekundgebungen, Bekenntnisse zum „Neuen Staat“ und Ergebenheitsadressen.

Währenddessen war die Partei längst an die Arbeit gegangen, um die Positionen der kirchlichen Institutionen zu untergraben. Zwar war sehr bald die Bedingung Hitlers, das Verschwinden der Geistlichen aus dem „politischen Tageskampf“, erfüllt; das erklärte Hauptziel der Kirche hingegen, der Schutz der Schule, der Vereine, der Presse wurde von Monat zu Monat in immer weitere Fernen entrückt. Nach hinhaltendem Widerstand der Katholiken insgesamt, der Bischöfe und des Vatikans gab es 1939 weder katholischen Vereine mehr, noch katholische Schulen; das was sich katholische Presse nannte, war, in dieser Hinsicht wenigstens, recht dubioser Natur.

Ebenso erfolglos war der Kampf der Kirche gegen das Neuheidentum. In privaten Gesprächen distanzierte sich Hitler zwar wiederholt von Leuten wie Rosenberg und Ludendorff; einmal versprach er sogar, eine öffentliche Erklärung gegen die Neuheiden zu erlassen; das war indessen alles. Wenn in der Folge die Kirche Rosenberg angriff, wurde dies Verhalten wie eh und je als Angriff auf den Nationalsozialismus insgesamt von der nationalsozialistischen Presse angeprangert.

So scharf und ausdauernd man gegen die Neuheiden und die Vernichtung der katholischen Institutionen protestierte, so beharrlich wurde zur Röhm-Affäre, den Konzentrationslagern und ähnlichen Dingen geschwiegen.

Andererseits unterstützten die Bischöfe weithin die Außenpolitik Hitlers. Als Deutschland aus dem Völkerbund austrat und das Volk dazu in einer Abstimmung Stellung nehmen sollte, erklärten die bayerischen Bischöfe, natürlich würden die deutschen Katholiken „aus vaterländischem und christlichem Geist ihre Stimme für den Völkerfrieden (!), für die Ehre und Gleichberechtigung des deutschen Volkes erheben“. Im Saar-Wahlkampf setzten sich die Bischöfe von Trier und Speyer, zu deren Diözesen das Saarland gehörte, nicht nur für die Angliederung an das Reich ein, sie verurteilten darüber hinaus alle jene Katholiken öffentlich, die für den Status quo waren.

Auch bei der Volksabstimmung, die zur Rechtfertigung der Besetzung des Rheinlandes abgehalten wurde, setzten sich viele Bischöfe dafür ein, daß die Gläubigen diesen Schritt Hitlers durch ihr „Ja“ bei der Wahl unterstützten, obwohl Bischof Preysing gefragt hatte, ob es richtig sei, wenn die Bischöfe „autoritativ zu einer außenpolitischen Entwicklung Stellung“ nehmen würden.

So ging es weiter. Beim Anschluß Österreichs rief ein Bischof zum „einmütigen Treuebekenntnis zum großen deutschen Vaterland“ auf. Zum fünfzigsten Geburtstag des „Führers“ sandte Bertram, der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, ein Glückwunschtelegramm. Auf den Kirchen wurden die Hakenkreuzfahnen gehißt, die Glocken läuteten und für den „Führer und Reichskanzler, Mehrer und Schirmer des Reiches“, wie ein Bischof in diesem Zusammenhang formulierte, beteten die deutschen Katholiken.

Diese Linie wurde während des Krieges durchgehalten. Einige Tage nach Kriegsausbruch ermahnten die Bischöfe die katholischen Soldaten, „in Gehorsam gegen den Führer opferwillig unter Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit ihre Pflicht zu tun“. Die deutschen Siege wurden mit Glockengeläute gefeiert. „Mit Bewunderung schauen wir auf unser Heer, das in heldenhaftem Ringen unter hervorragender Führung beispiellose Erfolge erzielte und weiterhin erzielt. Wir danken Gott für seinen Beistand ... Gerade als gläubige Christen stehen wir treu zu unserem Führer, der mit sicherer Hand die Geschicke unseres Volkes leitet.“ So Bischof Kaller im Januar 1941.

Der „Kreuzzug“

Als einige Monate später Rußland überfallen wurde, erklärten viele Katholiken, unter ihnen auch Bischöfe, diesen Krieg zu einem „Kreuzzug“. Erzbischof Jaeger bezeichnete die Russen als „Untermenschen“ und Rußland als ein Land, dessen Menschen „durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christushaß fast zu Tieren entartet sind“.

Daß die Judenverfolgung eine Angelegenheit war, „die das Aufgabengebiet des Episkopats weniger berührt“, wie Kardinal Bertram in einem jüngst von W. Leo im „Stern“ (Nr. 16, vom 18. April 1965, Seite 171 ff) veröffentlichten Brief formulierte, ist eine Tatsache, die nicht nur für das Jahr 1933 zutrifft. Das Interesse der deutschen Bischöfe scheint vor allem den „zum katholischen Glauben konvertierten Nichtariern“ gegolten zu haben. Als der Judenstern eingeführt wurde, schrieb Kardinal Bertram an die deutschen Bischöfe, eine Absonderung der katholischen Nichtarier, etwa in „Judenbänken“, sei gegen die Prinzipien des Evangeliums und deshalb „so lange als möglich zu vermeiden“. Man könne den katholischen Nichtariern jedoch empfehlen, vorwiegend die weniger stark besuchten Frühmessen zu besuchen. Erst wenn größere Schwierigkeiten auftreten würden, seien Sondergottesdienste zu erwägen,

Gegen die Euthanasie und die Sterilisation protestierte man deutlich und nicht ohne Erfolg.

Die Widerstandskämpfer, die in ihrem Widerstand nicht nur die katholischen Interessen verteidigt hatten, sahen sich jedoch keineswegs von der vorgesetzten Behörde gedeckt. Zum aktiven Widerstand hatten die Bischöfe ein negatives Verhältnis. Wiederholt betonte man, daß Katholiken keine Revolutionen machten. Nach dem mißlungenen Attentat auf Hitler am 8. November 1939 sandte Bertram dem „Führer“ ein Glückwunschtelegramm. Im Münchener Dom wurde ein Tedeum gesungen. – Auch die wenigen Katholiken, die aus Gewissensgründen die Teilnahme am Kriege ablehnten, bekamen von der Amtskirche keine Unterstützung. Einem von ihnen wurde sogar der Empfang der Sakramente verweigert, falls er seine Entscheidung nicht rückgängig mache.

Lewy weist darauf hin, daß es eine Reihe Katholiken gegeben hat, die als einzelne, ohne die Zustimmung der Kirche, dem Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben: Lichtenberg, Letterhaus, Delp. Aber es waren Ausnahmen.

Im letzten Teil geht Lewy auf die politische Ideologie des deutschen Katholizismus ein. Er beleuchtet das Verhältnis der Kirche zur Demokratie an Hand vor allem der päpstlichen Enzykliken und Stellungnahmen. Sodann wird die doppeldeutige Stellung der Kirche zum Widerstand gegen die Staatsgewalt in den verschiedenen Staaten und Regierungsformen erläutert. Schließlich untersucht der Autor die moralischen Dimensionen der Politik. Lewy stellt fest, daß, als Millionen Juden ermordet wurden, die Verkündigung der christlichen Sittengesetze sehr abstrakt erfolgt sei. „Die katholische Kirche war als Kirche gewöhnlich nicht in der Lage, ihre ideellen Ziele von ihrem Interesse am Überleben zu trennen, und sie hat häufig ihr eigenes Evangelium als Last empfunden statt als Kraftquelle.“

Quellenstudien

Soweit die Darstellung Lewys. Die beiden ersten Teile des Buches sind das Ergebnis gründlicher historischer Quellenstudien. Lewy besuchte neun deutsche Diözesanarchive, acht staatliche Archive und vier weitere Institute. Er sah 19 Diözesanblätter durch. Dazu ist die einschlägige Literatur der damaligen wie der Nachkriegszeit ausgewertet. Etliche Archive verweigerten dem Autor die Einsichtnahme. (Die Behauptung, die Arbeit Lewys sei ein Beweis dafür, daß die deutschen Diözesanarchive zugänglich seien, erledigt sich damit von selbst.) Die Diskussion, soweit sie ernst zu nehmen ist, geht nicht mehr um die Tatsachen als solche, sondern um ihre Erklärung und Interpretation. Daß die Bischöfe fast nur in kirchen- und kulturpolitischen, nicht aber in den anderen auch sie betreffenden Fragen opponierten (Judenverfolgung, Konzentrationslager, u. a. m.), kann nach dem von Lewy vorgelegten Material kaum noch ernsthaft bezweifelt werden; warum sie so und nicht anders handelten, das ist die Streitfrage.

Während die einen sagen, alle die von Lewy zusammengesuchten Loyalitätserklärungen seien nur Zugeständnisse mehr taktischer Natur gewesen, um hinter dieser Deckung Kritik üben zu können, ist Lewy der Ansicht, die Ursache sei in erster Linie in der Ideologie und der Institution der Kirche zu suchen. Man müsse, so erklären die Kritiker Lewys, die Zeitumstände mehr berücksichtigen. Schließlich habe damals Meinungsdiktatur geherrscht; deshalb müsse auf die Zwischentöne geachtet werden.

Durchdenkt man die Ereignisse von dieser Seite her, so bleiben einige wichtige Fragen offen:

War diese Taktik schon 1933, zu einer Zeit also, als Hitler keineswegs fest im Sattel saß, unbedingt notwendig? Was wäre geschehen, wenn man die Loyalitätserklärungen weggelassen hätte? Hätte Hitler in diesem Falle einen Kulturkampf begonnen? Die Frage ist letztlich nicht zu beantworten; vieles spricht indessen dafür, daß er zu diesem Zeitpunkt sich derartige Maßnahmen nicht hätte erlauben können.

Wer die Äußerungen der Bischöfe aus jener Zeit unvoreingenommen liest, wird sicher wiederholt auf taktisch bedingte Loyalitätserklärungeri stoßen. Ein sehr, sehr großer Teil bischöflicher Stellungnahmen sind aber mehr als Loyalitätserklärungen. Ist wirklich der oben zitierte Brief Faulhabers auf diese Weise zu erklären? Kann man die Rede Bischof Bernings im KZ Aschendorfer Moor, in der er die Häftlinge zu Gehorsam und Treue gegen Volk und Staat aufrief, zum Vorspann einer Erklärung gegen die Konzentrationslager machen? An welcher Ecke schaut die Opposition heraus, wenn Bischof Kaller die Feldherrenkünste lobt?

Zugeständnisse rein taktischer Natur sind in der Regel zurückhaltender.

Schließlich wird bei dieser Sicht der Dinge außer acht gelassen, daß bei vielen Vorkommnissen, die den Episkopat ebenso hätten interessieren sollen wie die Bekenntnisschulen oder die Vereine, kein Wort des Protestes laut geworden ist (Mord und Totschlag gehörten ja wohl auch mit zur „Verwilderung der Sitten“). Hat man hier vielleicht auch nur aus taktischen Gründen geschwiegen, um an anderer Stelle um so heftiger protestieren zu können? Wir sind aber sofort bei den Überlegungen Lewys, wenn wir uns fragen, welcher Art diese Proteste waren: es ging um die Erhaltung der eigenen Institutionen.

Selbst wenn man die Einwände der Kritiker Lewys zu Ende durchdenkt, kommt man also offensichtlich zu ähnlichen Ergebnissen, wie sie in dem Buch dargelegt sind.

Bei einer endgültigen Beurteilung der Haltung „der Kirche“ sollte man jedoch nicht vergessen, daß diese ein sehr komplexes Gebilde ist. Lewy hat die Einstellung der Amtskirche nachgezeichnet. Die Kirche ist aber mehr als nur Institution, mehr als Amtskirche. Wenn das stimmt, und jeder Theologe, der diesen Namen verdient, wird es bestätigen, dann ist es keineswegs sicher, wer damals die Kirche repräsentierte: die Bischöfe oder Leute wie Propst Lichtenberg.

Das Buch Lewys trifft die Amtskirche, meiner Ansicht nach, zu recht. Trifft es aber „die“ Kirche? Das ist eine Frage, die nicht den Historiker, sondern den Theologen angeht. Er müßte daraus Folgerungen ziehen.

Ist vielleicht deshalb das Thema in der katholischen Kirche so umstritten und unbeliebt?