Guenter Lewys Einseitigkeit

Von Ludwig Volk S. J.

Was die Aktengrundlage angeht, so hat eingar launisches Finderglück dem Schürfer Lewy vorwiegend Quellen beschert, die das Verhalten der Kirchenleitung in eine dubiose Beleuchtung rücken. Es sind ausgesuchte Zitate, mit denen Lewy seine Auffassung belegt, wobei er deutlich bevorzugt, was für den Episkopat negativ zu Buche schlägt. Aus dem erfreulich gleichmäßigen Vortrag auf Objektivität schließen zu wollen, wäre darum voreilig. Es bleibt denn auch nicht lange ein Geheimnis, daß das Bauwerk, das in zwölf Kapiteln emporwächst, Umrisse und Merkmale einer Schandmauer tragen wird, steil, flächig und ohne Tiefe. Die Hoffnung auf eine sachgerechte, bipolare Ortsbestimmung der für die Kirchengeschichte der Hitlerzeit konstitutiven Geschehnisse schwindet, je mehr sich abzeichnet, daß der Autor, nicht anders als das von ihm gerügte Verfahren, mit einem einzigen Bezugspunkt zu arbeiten gedenkt. Eine um den Minuspol der Anpassung und des gefügigen Mitmachens arrangierte kirchliche Zeitgeschichtsschreibung scheint zwar den „Mythos“ vom Widerstand schlagend zu widerlegen, aber nur, indem sie mit einer Version aufwartet, die ihrerseits Legende ist. Der Weg des Katholizismus durch die Dunkelheiten und Wirrnisse der NS-Zeit war ebensowenig reiner Widerstand wie reine Anpassung, sondern ein von Entscheid zu Entscheid schwankender Zwischenwert, dessen Größe eben darum für jeden Einzelvorgang gesondert zu ermitteln wäre, bevor eine Gesamtbilanz möglich ist.

Methodisch verblüfft Lewy durch die konsequente Entschlossenheit, Verlautbarungen der Kirchenbehörden ohne Zögern wörtlich zu nehmen, wo kritisches Abhören auf Zwischentöne oberste Pflicht des Chronisten wäre. Daß in einer Meinungsdiktatur öffentliche Erklärungen stets mit Blick auf die Unfreiheit interpretiert werden müssen, in der sie entstehen und vernommen werden, findet nur unzulängliche Beachtung. Sicherlich wurde mit Loyalitätsbeteuerungen der vermeintlich legalen Staatsgewalt gegenüber manchmal des Guten zuviel getan. Darüber ist jedoch nicht zu vergessen, daß allein auf dem Vehikel begrenzter Zustimmung kirchliche Kritik an bestimmten Regierungsmaßnahmen noch in die Öffentlichkeit getragen werden konnte. Von 1933 an waren Hirtenbriefe ein Gemisch aus Anerkennung und Vorbehalt, weswegen wiederum im Einzelfall gewissenhaft zu analysieren wäre, wo Überzeugung ans Lippenbekentnis stieß, wo Taktik mitsprach und wo Illusion. Diehier geforderte Trennung ineinanderfließenderGehalte und Motive ist keine unlösbare Aufgabe, wenn die Kundgebungen der Bischöfe mit ihren internen, unretuschierten Meinungsäußerungen konfrontiert und gegen sie abgehoben werden. Sie ist jedoch außerordentlich erschwert, wenn eine Überempfindlichkeit gegen regimefreundliche Bischofsworte bereits die Bestandaufnahme stört.

Das trifft auf Lewys Umgang mit den Quellen leider sehr oft zu. Seine Wünschelrute schlägt heftig aus, sobald er sich einer Wasserkammer nähert, deren Gefälle dorthin weist, wo die Mühlen seines Zornes rotieren. Dagegen kann seine Aufmerksamkeit abrupt erlöschen, wo regimekritische Unterströmungen zu erschließen wären. Äußerlich verrät sich diese Parteilichkeit in der Zitationsweise. Während der Anpassungsthese günstige Auslassungen katholischer Würdenträger preziös in Anführungszeichen gefaßt werden, verfallen kirchliche Proteste achtloser Zusammenfassung oder völliger Übergehung. Es ist kein Zufall, wenn aus den Stößen päpstlicher Beschwerden – nicht weniger als 55 Noten bis Kriegsbeginn – nur ein minimaler Bruchteil hastiger Erwähnung gewürdigt, ein so eindringliches und bedeutsames Dokument wie das vatikanische Promemoria vom 14. Mai 1934 gar völlig übergangen wird. Das gleiche Schicksal teilen so gewichtige Denkschriften des deutschen Episkopats an die Reichsregierung wie die vom Juni und Dezember 1941.

So wird etwa eine gleichzeitige, unbeachtete Ansprache Bischof Bernings aufgeboten, um die Strahlkraft von Faulhabers fünf (nicht drei) Adventspredigten von 1933 zu verdunkeln, ohne daß auch nur ansatzweise versucht würde, der stupenden Resonanz nachzugehen, die das Münchener Bischofswort sowohl in der NS-Publizistik wie in der internationalen Presse weckte. Mit Hilfe einer ähnlichen Bagatellisierungstechnik sucht Lewy die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937 abzuwerten. Hier wie in anderen Fällen erteilt der Autor mit Vorliebe einem kritischen katholischen Kommentator für eine Satzlänge das Wort, um dann den Chor positiver Stimmen in den Wind zu schlagen, obwohl er für den Gesamtbefund mitnichten überhört werden dürfte.

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