M. Y. Ben-gavriel hat letzte Woche in der ZEIT mitgeteilt, der CDU-Bundestagsabgeordnete Gustav Adolf Gedat habe die Aufführung des Kurt-Hoffmann-Films „Das Haus in der Karpfengasse“ auf den Filmfestspielen von Cannes hintertrieben. Begründung: der Film dürfe „als Politikum ersten Ranges im Ausland nicht gezeigt werden“.

Dieser Film behandelt jüdische Schicksale unter der Naziherrschaft, und hierfür ist der Abgeordnete durchaus zuständig. Schon im Dritten Reich war Gedat mit der Judenfrage befaßt; er berichtete darüber in seinem Buch „Auch das nennt man Leben“ (Stuttgart 1935).

In einer Jugendgruppe, deren „Führer“ Gedat war, befand sich „Gautama“, dessen Adoptiveltern ihm seine jüdische Abstammung verschwiegen hatten. Die jungen Arier ahnten natürlich, daß mit „Gautama“ etwas nicht stimmte: „Ein Fremdes wehte uns mit ihm an. Einen asiatischen Namen gaben die anderen ihm, unbewußt und doch mit dem ganzen natürlichen Instinkt der Jugend.“ Die Adoptivmutter offenbarte Gedat schließlich das Geheimnis von Gautamas Abstammung, und es entspann sich folgender Dialog: „Jüdischer Vater oder Mutter?“ frage ich. „Beide.“

„Volljude?“ schreie ich sie an ... „Die Mutter gib ihr Kind her, um sich in der ‚Gesellschaft‘ nicht zu blamieren? Das ist jüdisch. Es beweist vieles und zeigt wieder einmal, wie weit dieses Volk gekommen ist. Daß Sie aber mitmachten, als deutsche Frau!“.... „Er deutsch erzogen, und er ist deutsch in seinem Fühlen und Handeln.“ „Wenn ein Jude das kann..... Der Rasse nach bleibt er ein Jude.“

Gedat klärte die verzweifelte Adoptivmutter auf: „Der Staat kann unmöglich nach Grundsätzen, die im Reich Gottes gelten, seine Ziele für die Reinerhaltung oder sagen wir besser Reinigung deutschen Volkstums stecken. Ich weiß, daß Gottes Geist im Herzen Ihres Jungen etwas ganz Neues schuf, aber ich kenne jenen Typ seiner Blutsgenossen, die unser Volk und die Welt aussaugen und hetzen, Menschen ohne Glauben und ohne Gewissen und ohne Verantwortung vor der Welt und vor Gott. Ich bin Deutscher und will nicht, daß diese über unser Volk herrschen. Und auch als Christ weiß ich, daß sie unsere Feinde sind. Wie sie damals Christus an das Kreuz schlugen, so tun sie es heute. Sie schreien, daß sein Blut über sie komme und über ihre Kinder. Jetzt liegt Gottes Hand schwer über dem Volk, und die sie zurechtweisen müssen, sind Geißeln, mit denen er zuschlägt... Gottes Gericht liegt über dem Volk, das seine Gnade von sich stieß. Es ist ein Fluch geworden für die Welt. Und Gott hat etliche zu Jägern bestellt, das Volk zu jagen und dorthin zu bringen, wo Gott sie haben will.“

In der gleichen Stadt, wo im gut evangelischen Steinkopf-Verlag diese Schrift Gedats erschien, wuchs auch der KZ-Scherge Willy Boger auf, die „Geißel Gottes“ und der „Jäger“, der die Juden dorthin brachte, wo Gott sie nach Ansicht Gedats haben wollte: aus Gedats Sätzen ließe sich mühelos eine theologische Rechtfertigung der „Endlösung der Judenfrage“ herleiten. Von einem „Mea culpa“ Gedats hat man aber nie etwas gehört. Im Gegenteil, er scheint sich als Widerstandskämpfer zu fühlen, weil er angeblich – siehe Bundestagshandbuch – 1938 Rede- und Betätigungsverbot erhielt.

Der Abgeordnete Gedat soll laut Ben-gavriel gesagt haben, man möge die ältere Generation doch endlich mit solchen Sachen in Ruhe lassen. Angesichts seiner schriftstellerischen Vergangenheit ist dieser Wunsch verständlich.

Walter Euchner