Hätte Königin Elizabeth die Bundesrepublik ein paar Monate früher oder ein paar Monate später besucht oder hätte sie bei ihrer Visite Hamburg links liegengelassen – wäre Dr. Paul Nevermann dann heute noch Erster Bürgermeister der Hansestadt? Diese Frage rührt an einen Nerv unserer politischen Lebensform. Deswegen sollte sie weder vertuscht noch umgangen werden.

Der dreiundsechzigjährige Nevermann ist kein brillanter, aber ein tüchtiger und fleißiger sozialdemokratischer Lokalpolitiker. Vor ein paar Monaten verließ er nach einunddreißig Ehejahren seine Frau, zog aus dem gemeinsamen Haus aus und mietete sich in einem Appartement in der Hamburger Innenstadt ein. An seiner Seite war fortan eine andere, eine jüngere Frau.

Zur Scheidung, einer zwar schmerzlichen, aber ehrlichen Regelung kam es nicht. Wie es heißt, wirkte die Partei dem entgegen. Aus Furcht vor den möglichen politischen Folgen eines solchen privaten Entschlusses redete sie der Heuchelei das Wort. So wurde, unter SPD-Mitwirkung, zwischen den Nevermanns ein Ehekompromiß ausgehandelt: Er sollte alles vermeiden, was sie zu offensichtlich kompromittieren mußte; sie aber sollte weiterhin die „First Lady“ der Hansestadt spielen. An dieses Agreement hielten sie sich nicht.

Nevermann nämlich verhielt sich nicht so zurückhaltend, wie es das Arrangement erfordert hätte. Die Reaktion seiner Frau: Sie weigerte sich, beim Besuch der Königin Elizabeth als Erste Dame Hamburgs aufzutreten. Wiederum kam, unter Mitwirkung der Partei, ein Kompromiß zustande. Der Erste Bürgermeister, der gerade bei diesem strahlenden Staatsbesuch im Blickfeld bleiben sollte, lieh sich für Repräsentationszwecke die Frau des Zweiten Bürgermeisters aus – Frau Engelhard wurde First Lady auf Zeit.

Derart törichte Veranstaltungen mußten in der Öffentlichkeit kritische Resonanz finden. Kaum hatte die königliche Jacht deutsche Hoheitsgewässer verlassen, da forderten die Hamburger Springer-Blätter den Rücktritt Nevermanns. Er habe – so die „Welt“ – Hamburg in eine peinliche Situation gebracht. Das „Abendblatt“ schrieb sogar, er habe die Repräsentanz Hamburgs in Gefahr gebracht.

Aber können diese Argumente befriedigen? Wenn Paul Nevermann samt einem ordentlichen Eheleben Hamburg repräsentieren soll, dann doch wohl nicht nur, solange zufällig die Queen in hanseatischen Stadtmauern weilt, Repräsentanz, wenn man sie schon zur Forderung an den Inhaber eines politischen Amtes erhebt, darf kein moralischer Feiertagsrock sein, der nur zu festlichen Anlässen übergestreift wird.

Abwegig ist aber auch die Erklärung, die der Hamburger SPD-Vorsitzende Karl Vittinghoff nach Nevermanns Rücktritt abgab: Er bedauere, daß entgegen hamburgischer Tradition nicht alle Organe der öffentlichen Meinungsbildung bei der Behandlung dieses Problems die Grenzen gewahrt hätten. Gewiß, eine Verschwörung des Schweigens hätte die sogenannte Repräsentanz Hamburgs während der Zeit des Königinbesuchs vielleicht gerettet. Aber dann? Weiterhin heucheln für die Partei? Heucheln für Hamburg?