Eva Maria Mariotti – die schweigsame Angeklagte

Von Ruth Herrmann

Hamburg

Vor dem Schwurgericht Hamburg spielt sich seit Ende Mai der dritte Akt des Morddramas „Witwe Moser“ ab. Hinter den Bankbarrieren im Gerichtsflur drängen sich nun weit weniger Zuschauer, die dort in Schach gehalten werden müssen, bis sie ihr Realitätenkino, den Zuschauerraum im Gerichtssaal, betreten dürfen. Die Typen freilich sind die gleichen wie in der ersten Hauptverhandlung gegen Eva Maria Mariotti (ohne Urteil zu Ende gegangen, weil das Schwurgericht damals noch weitere Ermittlungen für notwendig hielt) und wie in der zweiten Hauptverhandlung, die am 12. März 1964 mit der Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus endete. Vorwiegend wohlbeleibte ältere Frauen hoffen hier weiter auf Sensationen.

Der Schuldspruch vom März 1964 wurde nicht rechtskräftig. Ein Formfehler, der dem Gericht unterlaufen war, gab der wegen Mordes Verurteilten eine neue Chance. Der Bundesgerichtshof hob wegen dieses Fehlers auf Revision der Angeklagten das damalige Urteil auf.

Frau Mariotti hat diesmal neue Richter: Den Vorsitz hat jetzt Landgerichtsdirektor Backen, der freundlich und ruhig zu ihr und den Zeugen spricht. „Sie sind Frau Mariotti“, fragt er am ersten Tag, „nehmen Sie bitte Platz. Bleiben Sie ruhig dort sitzen.“ Die schmächtige, bleiche, jetzt 47jährige Angeklagte, seit über dreieinhalb Jahren in Untersuchungshaft, scheint sich ein wenig zu entkrampfen. Scheu versucht sie die Bürger anzublicken, die als Geschworene zu beiden Seiten der drei Berufsrichter sitzen und die ihrerseits ernsthaft auf die Frau da unten auf der Bank sehen: ein Betriebsrat, zwei Hausfrauen, eine Handelslehrerin, ein kaufmännischer Angestellter und ein Ortsamtsleiter. Ein Ersatzgeschworener und ein Ersatzrichter vervollständigen das hohe Gericht.

„Ich war es nicht“

Der Vorsitzende belehrt die Angeklagte ausführlich – in allgemeinverständlicher Sprache, die juristische Formeln, soweit sie entbehrlich sind, wohl absichtlich vermeidend – darüber, daß es ihr nach dem Gesetz freisteht, sich zu äußern oder aber nicht zur Sache auszusagen. Der Verteidiger, Dr. Servatius, erklärt für seine Mandantin, daß sie von ihrem Recht, sich nicht zu äußern, Gebrauch machen wolle und lediglich erkläre, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Mit ihrem Entschluß folge die Angeklagte dem Rat der Verteidigung, die dafür die volle Verantwortung übernehme.

Diese Erklärung überrascht und verärgert offensichtlich einen Augenblick lang den Oberstaatsanwalt Hellge, der auch in der vorjährigen Hauptverhandlung die Anklage vertrat. Er wünscht festzustellen, daß es ihm möglich sein müsse, der Angeklagten Vorhalte zu machen, die sich auf jenen Punkt beziehen, den sie vom Nichtaussagen ausdrücklich ausgeklammert hat, indem sie erklärte, mit dem Mord, der Mordtat des Erich Sterba, nichts zu tun zu haben. Man fürchtet einen Augenblick, dieser Ankläger könnte mehr Verfolger als Abwäger sein. Aber die weiteren Verhandlungtage lassen diesen Eindruck wieder verschwinden.

Der Entschluß der Angeklagten, sich nicht zu äußern, weil tatsächliche Erinnerung und inzwischen wieder und wieder Verhandeltes, Gelesenes, Besprochenes, Heraufbeschworenes neunzehn Jahre nach der Tat nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden sind, ist weise. Er wurde ihr ermöglicht, nicht – wie in einigen Zeitungen zu lesen war – weil ein neues Gesetz den Angeklagten ein neues Recht gegeben hätte. Solches Recht bestand immer. Aber das bisherige Strafprozeßrecht ist seit dem 1. April dieses Jahres stark verändert und teilweise ganz neugefaßt worden. Angeklagte sind jetzt durch den Richter (Beschuldigte schon vorher durch die Polizei) ausdrücklich darüber zu belehren, daß sie von dem Recht, sich nicht zur Sache äußern zu müssen, Gebrauch machen können.

Es galt bisher allgemein als inopportun für einen Angeklagten, zu schweigen. Er mußte befürchten, das Wohlwollen seines Gerichtes zu verlieren, das möglicherweise aus dem Schweigen etwas Ungünstiges für ihn hätte herleiten können.

Der Strapazen für diese Angeklagte bleiben dennoch genug. Der Kronzeuge gegen sie, Erich Sterba, jetzt vierzig Jahre alt – als er die Hamburger Zahnarztwitwe ermordete, war er einundzwanzig und erfolgloser Anbeter der schönen Mariotti –, tritt gleich am ersten Verhandlungstag wieder auf. Sterba wurde wegen dieses Mordes, den er gemeinsam mit der Mariotti ausgeführt haben will, in seiner Heimat, der Tschechoslowakei, zu fünfundzwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt. Er verbüßte davon dreizehn Jahre und ist heute ein freier Mann, der alles hinter sich hat.

Zum „Ave Maria“

Sterba spricht gut deutsch und versteht es noch besser. Nur, wenn Fragen des Gerichts kommen, die ihm kritisch zu sein scheinen, bedient er sich des Dolmetschers. Sterba stellt das Schauerdrama aus der Schwarzmarktzeit im wesentlichen so dar, wie er es im vorigen Jahr schon erzählte:

Im Erkerzimmer des Mietshauses Loogestieg 8, dritter Stock, sitzt die etwas exzentrische Frau Moser, 62 Jahre alt, am Harmonium und spielt das „Ave Maria“. Sterba schlägt ihr von hinten das mitgebrachte Stuhlbein über den Kopf. Frau Moser springt auf, ruft um Hilfe, Sterba reißt sie zu Boden, fällt mit ihr hin, Frau Mariotti eilt mit einem Handtuch oder einer Serviette hinzu, schlingt sie. der Frau um den Hals und erwürgt sie. Soweit Sterba, der das Opfer dann zusammen mit Frau Mariotti an den Armen und den Zipfeln der Serviette ziehend und tragend in die Küche geschleift haben will. Dort wurde die Ermordete erst zwei Tage später, an einem Sommersonntagnachmittag gefunden. Freundinnen hatten die Polizei alarmiert. Frau Mosers Untermieter hatten schon zwei Tage mit der Leiche gelebt, ohne sie zu entdecken. So jedenfalls ließen sie sich vernehmen.

Einer der Untermieter – eben jener, der jetzt als Zeuge wieder erscheinen mußte – betrat die Wohnung, als die Polizisten gerade bei der Entdeckungsarbeit waren. „Nanu, was machen Sie denn hier?“ fragte er sie. Und die Polizisten antworteten: „Was machen denn Sie hier?“ „Ich wohne bei der Frau Moser“, antwortete der Mieter.

In der dritten Hauptverhandlung das, was er damals erlebte, von neuem auszupacken, ist für diesen Zeugen fatal. Zwar ist seit Jahren der Verdacht ausgeräumt, daß er mit der Mordtat etwas zu tun hätte – ein Verdacht, der sich in solchen Fällen zunächst auf jeden richten muß, der theoretisch als Täter in Frage kommt. Dieser Mann tat damals, im Juni 1946, aber etwas, was das Gericht jetzt feinsinnig als „illegale Transaktionen“ umschrieb. Er transportierte zusammen mit seiner Freundin und deren Bruder kofferweise Eigentum der Ermordeten aus der Wohnung und verscheuerte die Sachen auf dem Schwarzen Markt. Er tat außerdem damals und in noch früherer Zeit noch manches andere, das „etwas außerhalb der Legalität“ lag. Er wurde dafür verurteilt, die Strafen hat er verbüßt.

Dieser durch keinen Verdacht mehr belastete Zeuge weckte unversehens die schon etwas schläfrig gewordenen Gerichtsreporter, die das Mariotti-Drama schon jahrelang kennen, aus ihrer Unlust. Mit zitternden Händen trat er vor den Zeugentisch und erklärte dem Gericht, daß seine mühsam aufgebaute, jetzt völlig geordnete bürgerliche Existenz zerstört werde, wenn seine alten Verfehlungen wieder vor der Öffentlichkeit ausgebreitet würden. Sollte die Presse nicht davon Abstand nehmen, seinen Namen oder auch nur erkennbare Hinweise über seine Vergangenheit zu publizieren, bliebe ihm nur noch der Selbstmord.

Ein Krafthappen

Der Vorsitzende mußte versuchen, den erregten Zeugen zu beruhigen. Er konnte es nur dadurch tun, daß er die Journalisten fragte, ob es nicht möglich sei, darauf zu verzichten, den Zeugen mit Namen zu nennen. Es gab eine in Gerichtssälen sonst unübliche Art von Podiumsdiskussion – hier Presse, da Richter. Sie endete damit, daß eine kurze Pause eingelegt wurde, während der jene Journalisten, die schon etwas durchtelephoniert hatten oder es gerade tun wollten, kleine Einschränkungen zu arrangieren versprachen. Ganz auf den Krafthappen nach vier mageren Prozeßtagen zu verzichten, wagte wohl niemand seinem Blatt zuzumuten. Aber den Namen abzukürzen versprachen einige Berichterstatter, sein Alter zu verändern, andere. Der Vorsitzende erklärte, daß er dankbar wäre, wenn Verständnis für die Nöte des Zeugen aufgebracht werden könnte.

Das las sich in einer Hamburger Morgenzeitung – groß als Schlagzeile – dann so: „Gericht ließ sich unter Druck setzen. Mariotti-Zeuge droht mit Selbstmord!“ Und im Text fehlt dann an Einzelheiten nichts, aber auch gar nichts, ajßer den Buchstaben, die den Anfangsbuchstaben des Nachnamen folgen. Die Öffentlichkeit, die Umgebung des Mannes, ist also im Bilde. Und seine Familie wird von neuem für de Nachbarn interessant sein. Bestrafte zu resozialisieren, liegt nicht allein im Interesse der Betroffenen. Es ist wichtig für den Staat, wichtig für die Staatsbürger. Durch unachtsames Hantieren mit alten, längst versiegelten Schuldpäckchen ist der Resozialisierung indessen nicht gedient.

Frau Mariotti geriet allen Beteiligten während des dramatischen Zeugenauftritts ein wenig aus dem Blickfeld. Erst als eine Münchner Schauspielerin, die im Sommer 1947 in München-Grünwald mit ihr, die damals Helena Polanski hieß, befreundet war, als Zeugin vernommen wurde, spielte die Angeklagte wieder eine Rolle. Liebevoll begrüßte die Zeugin die leidende Gestik auf der Anklagebank, sagte, daß sie sie auch heute noch sehr gern habe und bat das Gericht am Ende ihrer Vernehmung um Erlaubnis, „Helenko“ zu begrüßen. Die Umarmung der Fieundin rührte Frau Mariotti zu Tränen. Die Zuschauer auf den Hinterbänken aber, besonders die scheinbar so biederen Hausfrauen unter ihnen, gaben Laute von sich, die, in Worte übertragen, heißen sollten: „Wie kann es bloß angehen.“

Sie waren gekommen, um eine Mörderin zu betrachten, und haben über das Häufchen Unglück da vorn auf der Bank längst ihr Urteil gefällt.