Der VDK ging 1951 als Ständevertretung aus dem „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ hervor; er gleicht in der organisatorischen Anlage dem Komponistenverband der UdSSR und ist ganz an seinem Beispiel orientiert. Professor Natan Notowicz, ein Musikwissenschaftler, ist Erster Sekretär des VDK. Die Statuten folgen ebenfalls dem Moskauer Modell, sind allerdings sehr viel ausführlicher und detaillierter; die gegenwärtig gültige Fassung von 1963 füllt immerhin 31 Seiten eines kleinen Büchleins.

Diese Statuten verdienen eine nähere Betrachtung, denn an ihnen kann man ablesen, welche beherrschende Rolle der Verband im Musikschaffen spielt. Paragraph 2 Absatz 2 etwa bindet die Mitglieder an den „sozialistischen Realismus“; auch das entspricht dem Moskauer Modell, wenngleich es auf deutsch viel ausführlicher und mit großem Pathos vorgetragen wird:

„Die Mitglieder des Verbandes sehen den Weg zur vorwärtsweisenden Darstellung des Typischer, und Neuen unserer Zeit im sozialistischen Realismus. Gerade unsere Neue Musik soll starke Emotionen und Impulse vermitteln, die unerläßlich sind für ein kulturvolles Leben und die geistige Formung der Menschen, die den Sozialismus aufbauen. Diese Aufgabe erfordert, der Arbeit die Erkenntnisse des dialektischen und historischen Materialismus zugrunde zu legen.“

Jedes Mitglied verpflichtet sich auf diese ideologische Haltung, obwohl die Gebote des Statuts wahrhaftig nicht eindeutig formuliert sind. So besagt etwa der Absatz 3: „Die Musik hilft solche menschlichen Qualitäten auszuprägen, die für uns alle im Sozialismus notwendig sind. Deshalb wenden wir uns gegen alle bürgerlichen Verfallserscheinungen in der Musik, die dem humanistischen Anliegen unserer sozialistischen Kunst entgegenstehen.“ Der VDK ist also nicht nur eine Standes Vertretung; er hat nicht nur wirtschaftliche Aufgaben – die hier übrigens längst nicht so deutlich niedergelegt sind wie beim Moskauer Vorbild –, sondern dient auch der ideologischen Belehrung der Komponisten und durch diese dann: des Publikums.

An diesem Punkt entsteht die Frage, ob der Verband ein Instrument nicht nur der Musikpolitik, sondern auch der „Kunstdiktatur“ sei, um so mehr, als die Formulierung von Paragraph 6 Absatz 2 solchen Verdacht nahelegt. Da heißt es: „Die Mitglieder und Kandidaten haben weiter das Recht und die Pflicht, das eigene Schaffen und die sonstige eigene berufliche und fachliche Tätigkeit im Verband zur Diskussion zu stellen und die Aussprache über das Schaffen und die Tätigkeit der anderen Mitglieder und Kandidaten anzuregen sowie daran aktiven Anteil zu nehmen.“

Die undialektische Identifikation von Können und Müssen läßt aufhorchen und ist unheimlich genug, da es hier um so etwas Grundsätzliches geht wie die „kollektive Kritik“. Der Komponist „kann und muß“ neue Partituren in der Mitgliederversammlung vorspielen und verteidigen, die höchstens einmal monatlich tagt. Wird ihm diktiert, was er zu schreiben hat? Wirkt diese kollektive Kritik wie ein Sieb? Eine einfache Rechnung: In keinem der sieben Bezirksverbände des VDK genügt eine Mitgliederversammlung im Monat, auch nur einen wesentlichen Teil der in diesem Monat entstandenen Werke zu behandeln, denn das Gremium hat noch andere Aufgaben. Es gelingt mit Mühe und Not, den Nachwuchs im Auge zu behalten.

Ich hatte Gelegenheit, an einer Mitgliederversammlung in Leipzig teilzunehmen. Zwanzig Minuten vor Beginn ließ sich der Vorstand des Bezirksverbandes Leipzig entschuldigen. Er hätte präsidieren sollen. Anwesend waren 22 Komponisten und Musikwissenschaftler und die beiden festangestellten Verbandssekretärinnen. Peter Dorn, Nachwuchskomponist, setzte sich an den Flügel und trug seine „Klaviermusik 1964“ aus dem Manuskript vor. Er hatte offensichtlich Lampenfieber. Immerhin waren einige bedeutende Kollegen anwesend. Das Stück – polyphon gebaut, an Hindemith orientiert und sogar mit entsprechenden thematischen Reminiszenzen durchsetzt – provozierte sogleich die Frage, weshalb der Titel so nichtssagend sei; schließlich lehrt die marxistische Musikästhetik, daß Musik einen „Inhalt“ habe, über- und außermusikalische, also ideologische „Bedeutung“. Das leise Unbehagen einer großen Gruppe angesichts „abstrakter“ Musik spiegelt sich in dieser Frage. Andere konstatierten eine unwillkürliche Erinnerung an Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“ oder bemängelten die Dynamik als zu stark. Man diskutierte fragmentarisch. Am Ende schlug Carlernst Ortwein, der unter dem Pseudonym Conny Odd der erfolgreichste Komponist leichter Musik in der DDR ist, eine Empfehlung zur Drucklegung der „Klaviermusik 1964“ an die zuständige Fachkommission vor. Der Vorschlag ließ sich durchaus verantworten, denn Peter Dorn ist ein begabter Komponist; also stimmten die Kollegen zu.