Das Große-Raum-Theater

Fräulein Erika Pilz schreitet über maisfarbenen Teppich. Ihr Blick fällt auf gepflegte Edelhölzer. Aus ihnen sind Schreibtische geformt und wie für eine Theateraufführung arrangiert; so kommt es ihr vor. In gefälligen Drahtkörben schweben Pflanzen im Raum. Kornblumenblaue Sesselgruppen repräsentieren die Geste der Einladung. Allenthalben wird telephoniert, getippt, diktiert, verhandelt. Die Atmosphäre bleibt gedämpft, verhalten, vornehm.

Erika Pilz ertappt sich dabei, daß sie auf Zehenspitzen geht. Sie gehört erst seit wenigen Wochen zu der vielgenannten Organisationsfirma, die hier in eigener Sache einen großen Büroraum demonstriert. Eine Arbeitsumgebung wie diese ist dem Fräulein Pilz fremd. Sie liegt zwei Nuancen über ihren eigenen Lebensgewohnheiten, von der Kleidung abgesehen. Das Untermietezimmer, in dem sie wohnt und das sie nach Feierabend erwartet, verhält sich zu ihrer Arbeitsumgebung wie Aschenputtel zu Grace Kelly, die Fürstin von Monaco wurde.

Das "Stück", in dem die kleine Erika mitzuwirken hat, wirkt beinahe englisch. Auf dem Programm steht das Großraumbüro, der auch als Funktionsraum bezeichnete großräumige Arbeitsplatz, die flexible Lösung der Verwaltung. Wie haben sich die mittlerweile allenthalben aus dem Boden geschossenen Büroneubauten bewährt? Gelten sie als Sklavenschuppen und Tretmühlen oder als Arbeitssalon mit Urlaubsstimmung am Arbeitsplatz? Die Diskussion darüber schlägt hohe Wellen. Vorurteile und Geschäftemacherei trüben den Blick.

Wenn das Thema Großraumbüro zur Sprache kommt, kann man deutlich drei Gruppen unterscheiden: bei den Arbeitgebern überwiegt nach wie vor die Skepsis. Die Arbeitnehmer äußern sogar überwiegend auch heute noch immer Ablehnung. Die Büroorganisatoren und Einrichtungsfirmen sind dafür.

Aus den uns vorliegenden Untersuchungen ergibt sich: Dieser Meinungsspiegel entstand, weil viele der heute in der Bundesrepublik praktizierten Großräume schlecht sind, weil das Unternehmen damit in erster Linie den Effekt sofortiger Einsparungen erreichen wollte und weil mancher Einrichter den Unternehmensleitungen lieber etwas verkauft, als daß er berät.

Für das Unternehmen wird die Einrichtung eines großräumigen, eines flexiblen Büros stets in erster Linie ein Rationalisierungseffekt bleiben. Daran hat sich seit dem Aufkommen der gefürchteten US – Angestellten – Ställe nichts geändert. Die Wandlung, deren Ausdruck am augenscheinlichsten im Großraum zum Vorschein kommt, liegt in der Personalpolitik. Die arbeitswissenschaftliche wie betriebstechnische Feststellung, daß die optimale Leistung davon abhängt, welche Voraussetzung dem Arbeitenden dafür auch durch die Gestaltung des Arbeitsplatzes mitgegeben werden, ist hier entscheidend.

Das heißt, die Differenz der Installationskosten zwischen einem konservativen und einem flexiblen Büro wird immer irreführend bleiben. Es kommt darauf an: Wo wird dem Mitarbeiter die größere Chance gegeben, seine Leistung zu entfalten. Die Voraussetzungen dafür sind ebenso zahlreich wie bedeutsam. In konservativen Büroeinteilungen stehen sie überhaupt nicht zur Debatte, weil ihre Kosten dann jegliches Maß sprengen müßten. Dazu gehören nicht nur Farbgebung, durchschnittlicher Bewegungsraum, moderne Büroeinrichtungen, die richtige Beleuchtung. Dazu, gehören auch schallschluckende Teppiche und Decken, um den Geräuschpegel so niedrig wie möglich zu halten, sowie Klimaanlagen, Pausenräume und entsprechende Garderobenanordnungen. Wird auch nur eines vergessen oder benachteiligt, kann die Gesamtrechnung nie aufgehen, und das Ganze wirkt wie die Luxuskarosserie über einem kaputten Motor.

Das Große-Raum-Theater

Denn der Großraum ist, wie es einer seiner aktivsten Interpreten, Klaus Schnelle, verkündete: "Ein Rechenexempel!" Wer konnte es bisher lösen?

In der Bundesrepublik ist es genau fünf Jahre her, daß die ersten, großräumigen Büroräume eingerichtet worden sind. Klaus Engelhorn in seiner Firma Boehringer & Soehne gab dafür den Startschuß. Erika Pilz allerdings setzt ihre Schritte auf maisfarbenem Teppich in einem der jüngsten Arrangements dieser Art, das sich Klaus Schnelle vorbildlich für sein l00köpfiges Büroteam eingerichtet hat. Er präsentiert sogar Kostenpläne, nach denen funktionsgerechte Büroräume von vornherein billiger als konventionelle sind, da sie obendrein Arbeitskräfte einsparen helfen.

Firmen mit arbeitsphysiologisch und organisatorisch gut gestalteten Räumen, die der Funktion ihrer Belegschaft entsprechen, haben mittlerweile Erfahrungen gesammelt, die erstmals zu einer Analyse der Praxis verhalfen. Es beteiligten sich: Boehringer, Mannheimer Versicherungs-Ges., Facit, buch und ton, Horten GmbH, Deckel, Krupp (Rheinhausen), Bayer, BP, Nino, Kaufhalle.

Aus ihren Angaben geht hervor, daß die in den betreffenden Häusern praktizierten großen Büroräume Belegschaftszahlen zwischen 36 und 400 aufweisen. Genau sechs haben Räume für über 100 und bis zu 400 Angestellten aufgebaut, fünf bringen weniger als 70 in ihren Etagen unter.

Die Einrichtungskosten pro Arbeitsplatz schwanken wiederum zwischen 990 und 4500 Mark; dabei muß berücksichtigt werden, daß die Kosten schon allein wegen der regional unterschiedlichen Preise oft erheblich differieren. Man kann aber aus der Differenz entnehmen, daß es auch bei dem vorteilhaft gestalteten Raum noch immer Kostenunterschiede gibt, die nichts mit der Funktion, aber viel mit der materiellen Qualität des Arrangements zu tun haben.

Nur zwei der genannten Firmen verwenden keine Steilwände in ihren großen Büros, um zum Beispiel Vorgesetzte oder Konferenzecken abzuschirmen. Neun von ihnen legten Perlonteppiche als Fußbodenbelag. Zehn arrangierten zum Teil anspruchsvolle Pflanzengruppen zu sogenannten "Bürolandschaften", die übrigens in der Bundesrepublik kreiert worden sind. All das trägt zum Großraumkomfort wesentlich bei.

Der viel gefürchtete Großraumlärm ist in sämtlichen der hier zum Beispiel stehenden Büros auf unter 60 Phon gedrückt worden. Das heißt, sie sind um mindestens 10 Phon leiser als ein konventionelles Büro, so daß sich der Aufwand an Schallschluckdecken und Teppichbelag gelohnt hat.

Das Große-Raum-Theater

Gleiche Sorgfalt wurde auf Beleuchtung und Klimaanlagen verwandt. Jeder der Beteiligten gab an, die Fluktuation sei durch Einführung des Büro-Funktionsraumes nicht erhöht, in einigen Fällen sogar verringert worden. Das Gleiche gilt für den Krankenstand.

Ausnahmslos wurde betont: die Cliquenbildung unter den Mitarbeitern ist vollkommen verschwunden. Mit Ausnahme der BP, bei der es sich um einen "Testraum für leitende Angestellte" handelt, der vorwiegend männlich besetzt ist, hieß es auch: die Kleidung hat sich um eine ganze Note verbessert.

Die effektiven Kosten lagen nicht unter jenen der althergebrachten Bürobauten. Leitende Angestellte der BP sagen, daß man dort glaube, daß der perfekt eingerichtete Büroraum moderner Prägung zunächst teurer sei als der konventionelle. "Der Erfolg liegt nicht in der billigeren Installation, sondern im besseren Ergebnis und im reibungsloseren Klima."

Wie sieht die gleiche Sache nun von der Seite der Arbeitnehmer aus? Dazu äußert sich unser Fräulein Pilz zunächst spontan: "Ich war immer gegen Großraum. Deshalb wollte ich in meiner neuen Firma zuerst gar nicht anfangen. Ehe ich jetzt aber wieder in mein altes Büro ginge, würde ich auf 20 Mark Gehalt verzichten."

Aber die Einstellung der Angestellten zum modernen Großraumbüro ist nicht einhellig. Bei denen, die noch keine eigene Erfahrung damit haben, überwiegt die Ablehnung. Sie fürchten die unpersönliche Atmosphäre, die dauernde Kontrolle und Unruhe. Besonders leitende Angestellte können sich schöpferische Arbeit unter den Bedingungen des Funktionsraumes nicht vorstellen.

Ganz anders ist die Reaktion bei denen, die schon längere Zeit im Großraum arbeiten. Die Zahl derjenigen, die sich in die traditionellen Büroräume zurückwünschen, ist gering. Ihre Einwände beziehen sich meist auf technische Mängel: eine schlecht arbeitende Klimaanlage, zuviel Lärm, aber auch mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Es scheint sich hierbei vorwiegend um Nachteile zu handeln, die man durch bessere organisatorische und konstruktive Lösungen beseitigen kann.

Die Mehrzahl der Angestellten mit Großraumerfahrung bejaht die neue Arbeitsatmosphäre. Die Arbeit wird als weniger langweilig empfunden, was durch den besseren persönlichen Kontakt der Mitarbeiter gefördert wird. Die Frauen schätzen es, daß sie (und ihr neues Kostüm) mehr beachtet werden. Als Vorzug des Funktionsbüros wird auch die meist viel geschmackvollere Einrichtung des neuen Arbeitsplatzes bezeichnet.

Das Große-Raum-Theater

Auch manche Erleichterung der Arbeit wird hervorgehoben. Man sieht mit einem Blick, ob ein anderer sich an seinem Schreibtisch befindet oder im Augenblick nicht gestört werden darf, so daß man unnütze Wege spart.

Und was sagen die Arbeitnehmervertretungen, die Gewerkschaften? Sie hielten gewissermaßen mit der Entwicklung Schritt. Je mehr das moderne Büro den Gesetzen der Arbeitsphysiologie entsprach, um so geringer wurde ihr Widerstand.

Herta Meyer-Rieckenberg, Frauenreferentin der DAG sagte: "Büros, in denen den Arbeitsvorgängen entsprechende Menschen sitzen, halte ich für praktisch und für richtig, wenn man dabei vom Menschen ausgeht... Wir wissen aber, daß zum Beispiel eine Klimaanlage heute noch sehr schlecht sein kann."

DAG-Chef Rolf Spaethen ist seinerseits Aufsichtsratsvorsitzender der Versicherungsgesellschaft Deutscher Ring, die selbst ein großräumiges Büro hat. Und bereits vor zwei Jahren richtete das dem DGB gehörende "Beamten-Heimstätten-Werk" in Hameln einen der modernsten Funktionsräume ein.

Auch das Verhältnis Großraum und Gewerkschaften entwickelt sich also entsprechend der Ergebnisse, die die Personalarbeit in den einzelnen Betrieben erbracht hat.

Warum aber schlägt die Diskussion um den flexiblen Funktionsraum dann so hohe Wellen? Weil hier der Arbeitsplatz des einzelnen verändert wird. Davon fühlen sich Millionen betroffen. Dabei ist der Großraum selbst durchaus keine absolute Erscheinung, sondern nur eine Auswirkung der Änderungen innerhalb unserer Gesellschaft. Rosemarie Winter