Von Roman Braun

Aus dem Fall Tarsis, einem jüngeren Literaturskandal der Sowjetunion, hat man genug politisches Kapital geschlagen: Tarsis, geboren 1909, wurde für zwei Satiren nicht ins Arbeitslager, sondern ins Irrenhaus gesperrt (angeblich ist er inzwischen wieder entlassen worden). Jetzt, da seine Schriften auch auf deutsch vorliegen –

Valerij Tarsis: „Die blaue Fliege“ / „Rot und Schwarz“, aus dem Russischen von Josef Hahn; Carl Hanser Verlag, München; 233 S., brosch. 8,90 DM, Ln. 17,80 DM

Valerij Tarsis: „Botschaft aus dem Irrenhaus“, aus dem Russischen von Elimar Schubbe; Possev-Verlag, Frankfurt; 180 S., 10,80 DM

bleibt einzig die Aufgabe, diese Bücher als literarische Werke zu bewerten und zu prüfen, inwieweit es Tarsis gelungen ist, eine Aussage, zu der er sich genötigt fühlte, mithin eine notwendige Aussage, in literarischer Form plausibel zu machen.

Um es gleich zu sagen: Mir scheint, hier haben sowjetische und abendländische Politiker gemeinsam aus einer blauen Fliege einen Elefanten gemacht. Ein Pasternak der sowjetischen Satire ist Tarsis wirklich nicht; und sein „legaler“ Kollege Arkadij Wassiljew ist bei weitem witziger, gewandter und schlagfertiger. Wassiljew würde nie am Schluß grimmig den Zeigefinger heben und drohen: „Ich hoffe, die blaue Fliege wird euch lehren, wie man leben muß.“ Er würde es hoffen, aber nicht aussprechen.

Die Satire von der „Blauen Fliege“ besteht darin, daß sich ein Philosophieprofessor hinreißen läßt zum Mord an einer Schmeißfliege und im Anschluß daran in tiefschürfende Gedanken über das menschliche Dasein versinkt – es beginnt die Metamorphose eines Philosophen in eine blaue Fliege, das heißt, in einen Nonkonformisten, Intellektuellen, in einen unbequemen Geist. Solches geschieht in langen Gesprächen mit Freunden und Kollegen, in Selbstgesprächen und Monologen, die an Rhetorik zuviel haben, was ihnen an Geist abgeht.

Literatur wird Vorwand. Man kämpft sich durch ein mittelgeistreiches Capriccio über die Philosophie speziell und allgemein, und schon beginnt die blanke Agitation: „Du plagst dich umsonst, Iwan Iwanowitsch. Vor wem willst du die Obrigkeit beschützen? Vor dem Volk, Dummes Zeug. Hör lieber zu, was das Volk denkt. Aber du und die anderen Bebrillten, ihr steckt die Nasen in die Zeitungen und Bücher, aber in denen steht nicht für einen Groschen Wahrheit. Unsere Kommune ist losgelöst von der Erde, weidet im Himmel wie die christlichen Schäfchen. Hier bleibt uns ein Dreck übrig. Die Wirtschaft kann nur ein richtiger Hauswirt in Ordnung bringen, aber verschiedene Sekretäre, die im Auto übers Land hopsen wie Grashüpfer, können das nicht. Die können nur alles ruinieren – und haben alles ruiniert. Jetzt ist es viel schlechter als unter dem Zaren, das ist es, was die Leute wie aus einem Munde sagen. Also beeilt euch, ehe es zu spät ist. Blas eine Seifenblase auf, soviel du willst, einmal platzt sie doch!“ Und schuld an allem ist: „Eine endlose, amoralische, feige Schar geschäftiger Schmarotzer und verknöcherter Bürokraten und Menschen, die nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus Angst arbeiten – das ist das Resultat. Und unwillkürlich erinnert man sich an die Worte Lenins: Wenn wir einmal zugrunde gehen, dann nur am Bürokratismus.“

Nur, towarischtschi, Satire ist das nicht. Das ist der Stil politischer Leitartikel, das ist Kommentar, ist Pamphlet mit all den Unarten, die Tarsis seinen Bürokraten vorwirft. Etwa der, nicht mit Argumenten, sondern statt dessen mit Behauptungen und Zitaten um sich zu werfen. Ich habe noch kein Buch gelesen, wo so viel zitiert wird: Tolstoj, Sterne, Heine, Stendhal, Engels und Lenin, Goethe und Graham Greene, kreuz und quer – und das ist, vom Autor nicht gewollt, lächerlich.

Das auch: „Vergeblich meinen die Weisen und die Historiker, daß der Mensch im Alter in Licht aufgeht. Gerade das Gegenteil tritt ein. Er verliert allmählich wie ein Baum zur Zeit des Blätterfalles die Leidenschaften, das Streben und Trachten, die Träume und sieht auf dem klaren Horizont die verblichenen Lumpen von Fahnen, die zerschlagenen Scherben seiner Gesetzestafeln und die verwelkten Blütenblätter der Träume. Und so wird es ewig sein.“

Diese fatale Liebe zu großen Worten, Aphorismen und allerletzten Aussagen zeitigt auch bei Tarsis goldene Früchte („Die Konvention ist etwas Schreckliches“; „Wo ist mein Glück?“; „Am meisten regen mich die Taten aller Menschen auf“; „Wenn die Zugvögel fortfliegen, möchte ich immer leidenschaftlich gern mitfliegen“), und die Kehrseite des Dozierens ist die Sentimentalität, noch dazu geboten meist in der Ich-Form, in banalen lyrischen Ergüssen.

Ein verhinderter, zu Humor oder gar Satire völlig unbegabter Lyriker, ein Intellektueller, der viele Bücher gelesen und viele Gedanken gedacht hat, aber keinen zu Ende („Kein Gedanke läßt sich bis zum Ende begreifen. Endliche Gedanken sind banal. Vollständig begreifen kann man nur einen Schuft. Die Weisen bleiben sich selbst ein Rätsel“), ein Professor im eigentlichen Sinn des Wortes, der aber die Angewohnheit hat, vertraulich hautnah zu kommen und zu beichten, wie es vor hundertfünfzig Jahren modern war.

Der Bezug aufs romantische Mobiliar ist nicht von ungefähr, die zweite Satire, „Rot und Schwarz“ (die literarisch geschlossenste Arbeit), ist eine rührselige Rahmenerzählung. Bei dieser melancholisch altertümlichen Ehegeschichte hat wahrscheinlich Tschechows „Langweilige Geschichte“ Porträt gestanden, wie auch die „Botschaft aus dem Irrenhaus“ auf eine berühmte Tschechow-Novelle anspielt (der russische Titel ist „Krankensaal Nr. 7“). Wenn Tarsis in „Rot und Schwarz“ Tschechowsche Stimmungen allenfalls banalisiert hat, so ist hier der leise Ton des sozialen Protests ins Schrille, Unerträgliche entstellt.

Was in den beiden Satiren noch halbwegs kaschiert war, wächst hier zum rein Deklarativen, zum politischen Traktat heran, der sich am Ende denn auch als „offener Bericht“ zu erkennen gibt. Hier, wo die Erzählung wohl am offensten autobiographische Züge tragen dürfte, wirkt sie am meisten konstruiert und blaß. Hier, wo der Autor ohne satirische Ambitionen schreibt, gelingt ihm die Satire: Er unterbietet an Demagogie jeden Bild- Texter, keiner im Stab der Nationalzeitung kann hemmungsloser, schimpfen, beleidigen, drohen. Die Sowjetunion ist ein Land der Henker, Mörder, Menschenräuber und Sklavenhalter, ein Land, wo die „menschenähnlichen Schufte fast alle Menschen ausgerottet“ haben; ein „Müllabladeplatz der Menschheit. Sein Gestank vergiftet, die ganze zivilisierte Welt!“ Folgerichtig entwickelt der (positive) Held V. Almasow alias Tarsis den Krankensaal Nr. 7 zur „Schule des Hasses“: Selbstmord oder Revolution („im Namen des MENSCHEN“) – so lautet die Alternative für alle, „die ihre Seele nicht im kommunistischen Pfandhaus versetzt haben“.

Im Vokabular, im Denkstil, eigentlich in allem fügt sich diese „Botschaft“ so lückenlos ein in gewisse, liebe Träume und Phantasien, daß man direkt versucht ist, die Authentizität des Textes zu bezweifeln. Traut man doch seinen Augen kaum, liest man: „Ihm (Kennedy) mußte man sagen, daß das russische Volk die Amerikaner mit Brot und Salz empfangen, daß die Glocken zu ihrer Begrüßung läuten und sogar die Armee ihre Waffen niederlegen würde, wenn die Amerikaner nicht als Eroberer kämen, sondern als Befreier Rußlands von der Herrschaft der Usurpatoren.“

Ist das nicht ein Angebot? Mit den russischen Menschen bauen wir dann konventionelle KZ für die nur „Menschenähnlichen“.

Das hat uns gerade noch gefehlt.