Unser Kritiker sah:

EIN TRAUMSPIEL Oper (nach Strindberg) von Aribert Reimann Stadttheater in Kiel

Die Eröffnungsvorstellung der „Kieler Woche“ 1965, die Uraufführung einer Auftragsoper, wurde zu einem solide erarbeiteten Erfolg für den Generalintendanten Joachim Klaiber. Er hatte dem inzwischen neunundzwanzigjährigen Berliner Komponisten Aribert Reimann einen Kompositionsauftrag erteilt und die so entstandene Oper „Ein Traumspiel“ an die Spitze des deutsch-skandinavischen Treffens der „Kieler Woche“ gesetzt.

Nach dem ersten Werkeindruck möchte ich, ein wenig überspitzt, sagen: Wenn überhaupt noch „Traumspiel“, dann als Oper. Strindbergs Traumpsychologie hat ihre dramaturgische Bedeutung gehabt. Aber der Traumsymbolik einer modernen Wissenschaft kann sie nicht mehr recht standhalten. Eine Reihe poetischer Visionen sind jedoch zu retten durchMusik. Folgerichtig erreicht Reimanns Oper Höhepunkte an Stellen, die sonst vor dem Rotstift nicht sicher wären: am „Strand der Schande“, an der „Schönen Bucht“ und in der Fingalsgrotte, wo die Musik ein großes Duo zwischen Indras Tochter und dem „Dichter“ erlaubt.

Mit viel Spürsinn für Musikdramaturgie haben der Komponist und die in der modernen Musik außerordentlich erfahrene Sängerin Carla Henius (Frau Klaiber) den Text Strindbergs (in der Übersetzung von Peter Weiss) so durchlichtet und gekappt, daß die Aufführung der Oper mit Pause (anstatt sieben) zweieinhalb Stunden dauert.

Für Reimanns Musik ist das Bekenntnis zu leidenschaftlichem Gefühlsausdruck und zur menschlichen Stimme bezeichnend. Das dramatische Rezitativ wird bis zu Vokalisen abstrahiert und in mehreren Ensemblesätzen (auch mit Chor) verdichtet. Das hat besten Opern-Elan. Trotzdem ereignet sich der fesselndere Teil der Musik im Orchester. Sie ausführlich zu analysieren, wäre eine verlockende Aufgabe. Man würde da geschlossenen Formen à la Alban Berg ebenso wie Webernscher Aphoristik und rhythmischen Figuren begegnen, die auf Reimanns Lehrer Boris Blader zurückgehen.

Doch bemerkenswerter als Abhängigkeiten ist die selbständige Sicherheit, mit der Reimann den Absprung der Singstimme aus dem Orchester bewirkt, sie stützt, ohne sie zuzudecken, und in den Zwischenspielen den dramatischen Faden weiterspinnt. Für einen Opernerstling eine erstaunliche Talentprobe. Laut, manchmal allzu laut, aber klar wurde sie an Stelle des erkrankten GMD Peter Ronnefeld von Michael Gielen a. G. dirigiert.