Am vergangenen Freitag ist unser Mitarbeiter Walter Widmer, zweiundsechzig Jahre alt, in Basel gestorben. Krankheiten hatten ihm schon seit längerem zu schaffen gemacht; immer aber sprach er wegwerfend davon, bemüht, sie so gut es ging zu ignorieren. Bis zum letzten Tag arbeitete er, und viel hatte er noch vor. Das, womit er sich manchen Feind machte und was ihn hier und da in den Ruf eines Haudegens der Literaturkritik brachte, war gerade seine Stärke: aus seinem Herzen niemals eine Mördergrube zu machen, es unverblümt und ohne Rücksicht auf etablierte Interessen zu sagen, wo er eine Kluft spürte zwischen Geltungsanspruch und Leistung. Vermutlich fände er schon diese Formulierung zu zag. Er hätte wohl gesagt: seine Aufgabe sei es, wo immer möglich allem aufgeblasenen Humbug und seichten Tiefsinn entgegenzutreten und ihn zu vernichten – als Korrektiv zu wirken in der heutigen Literaturkritik und sich niemals zu verschanzen hinter unpersönlichem, unverbindlichem Jargon. Er konnte zornig sein, daß die Fetzen flogen – und behutsam und zart, wo er Verkanntem zur Geltung verhelfen wollte. Unentschieden und unbeteiligt und langweilig war er nie. Kritik – das war für ihn keine Beschäftigung, sondern eine Passion. Sein Hauptaugenmerk galt immer dem Sprachlichen; er selber übersetzte viel, von Villon über Diderot zu Flaubert, schrieb ein Buch über den „Fug und Unfug des Übersetzens“, die deutsche und französische Literatur der letzten Jahrhunderte war ihm nicht nur – wie vielen – bekannt, sie war ihm – wie wenigen – gegenwärtig. Regelmäßige ZEIT-Leser werden sich an seine Beiträge über Laurence Sterne und E. T. A. Hoffmann erinnern wie an seine unnachsichtigen Übersetzungskritiken. Wenn heute Übersetzungskritik überhaupt als notwendig und zweckvoll erachtet wird, so ist dies wesentlich mit sein Verdienst. Aber statt über ihn zu reden, lassen wir ihn lieber selber sprechen. Der Villon-Artikel, den wir hier drucken, gehört zu seinen letzten Arbeiten. In ihm ist er über den Tod hinaus so ungestüm lebendig wie je. D. E. Z.