M. E., Berlin

Als Antwort auf die Bemerkung, daß man zu Westdeutschlands brünettestem Fabelhersteller wolle, sinnt der Taxifahrer: „Grass? Den, wüßt ick garnich, wo ick ihn hinstecken soll.“ Wir halten vor der altertümlichen, ländlichen Villa in der Niedstraße, „wo der Kaiser verkehrt hat“ (Grass).

Das Treppenhaus ist von prachtvoll fettem Eisensduft durchzogen. „Ich kann Ihnen sagen, Wahlreden schreiben, das ist ’ne Arbeit“, meint der neueste Wahldichter der Bundesrepublik und klettert aus dem drei Meter über den Stubenboden ragenden Hochsitz. Ein Plakat liegt auf den Dielen, graphisch geziert durch ein Geschöpf aus dem Grass-Bestiarium. Das ist der Es-Pe-De-Hahn, den man sich nicht auf einer Kirchturmspitze, sondern auf dem Komposthaufen vorstellen soll. Offenbar deswegen, weil sein Erzeuger, ausgeprägten ökonomischen Sinnes, ihn da placiert, wo es was zu scharren und zu beißen gut.

Was der Schöpfer von drei Wahlreden und einem Wahlhahn im Sinn hat, ist eine „Diffamierung des Wahlkampfes“. Vor Zeiten schon stieß Grass der Satz vom Schriftsteller als dem Gewissen der Nation auf. Wünschenswert wäre vielmehr, so darf man Mehrzweck-Grass verstehen, wenn Gewissen sich nicht in personeller Trennung vom Politiker befände. Andererseits soll der Schriftsteller aus seiner teils freiwillig gewählten, teils untergeschobenen Elfenbeinoase treten, und – falls wortmächtig – auf die Rednertribüne klimmen.

Zwischen dem 6. und dem 20. Juli werden so Bürger in Hamburg, Kiel, Münster, Bonn, Aachen Würzburg, Freiburg, Tübingen, Mainz, Heidelberg, München und Moers Grass-Ansprachen zu hören bekommen, konzipiert in Amerika, angefertigt auf einer alten Torpedoschreibmaschine im Friedenauer Hochsitz. Abwechselnd wird der Blechtrommelautor als Zoon politikon sprechen über „Was ist des Deutschen Vaterland“, „Loblied auf Willy“ (Ausgangsposition: Stellung und Möglichkeiten des Bundeskanzlers) und „Es steht zur Wahl“ (einschließlich einer moralischen Kopfwäsche für den Stimmzettel – ohne – Michel).

Wann er denn in die Wahlbranche umgestiegen sei? Grass: „Einen Moment, das kann ich nachsehen“, und, nach einem Blick ins Arbeitstagebuch: „Am 12. März, als ich mein Stück ‚Die Plebejer proben den Aufstand‘ abgeliefert hatte.“ Keineswegs aber stimmte, was er sich vorher überlegt hatte: daß das Verfassen politischer Ansprachen andere Arbeitsmethoden erfordere. Drei bis vier Fassungen schreibt er von Roman wie von Rede. Er möchte nicht von turmhohen Dingen sprechen, etwa, daß die totale Freiheit ausbrechen würde, sondern einfach daß und aus welchen Gründen es besser wäre, wenn künftig die SPD sich mit der Staatslenkung befasse.

Während der Arbeit an den Reden hat Grass eine Kette von Hähnen gezeugt, übrigens schon immer zwei Tätigkeiten nebeneinander ausgeübt, bildhauern und zeichnen, neben dem Schreiben. Der Kikeriki auf dem Wahlplakat ist neben einem auf öffentlichen Gebrauch zugestutzten Whitman-Zitat angeordnet; er heißt: Dich, Demokratie, singe ich. Ausgebrütet wurde der umfangreiche Plan gemeinsam mit dem Sozialistischen Hochschulbund und dem Liberalen Studentenbund. Die Studenten besorgen auch die Organisation. Man will aber nicht nur in Hörsäle gehen, obwohl die meisten Städte auf der Wahlroute Universitätsstädte sind. Auch die gebildete ältere Dame soll Gelegenheit haben, sich durch Anwendung der von Grass vermittelten Einsichten am 19. September zu entscheiden. Sie wie andere werden auf jeden Fall erleichtert vermerken, wenn Muttersprache von der Tribüne klingt. Eintritt kostet es überall, auch im Zirkus Krone in München. „Ne Mark dachten wir oder zwei wie in Münster.“ Denn von der SPD können sie natürlich kein Geld annehmen. Wohin fließt, wenn er fließt, der Überschuß? In Bücher für die Bundeswehr, da Staatsbürger in Uniform angeblich bildungshungrig sind. Sagt Grass.

Obwohl Epiker, hat Grass nicht die Absicht, seine Referate der Länge von Strauß’ oratorischen Ausbrüchen anzupassen. Eine dreiviertel Stunde, das „klassische Rede-Maß“, ist dem Publikum zugedacht. Was hat der Wahltrompeter außer Staatsbürgersinn, Freude an der Schau und Arbeit „an Sätzen, die man sprechen kann, das Verb, wenn’s geht, nach vorn“ von dem allen? Lampenfieber. Zum erstenmal im Leben.