Von Uwe Nettelbeck

Mit den Bundesfilmpreisungen, mit den DM-Prämien und Metallbändern, die Höcherl alljährlich während der Berlinale verschleudert, ging es auch diesmal los: 350 000 und 300 000 Mark für die Filme "Das Haus in der Karpfengasse" und "Polizeirevier Davidswache"; Filmbänder in Gold viermal für die "Karpfengasse", zweimal für "Wälsungenblut" und je einmal für die "Davidswache", "Verdammt zur Sünde" und "Onkel Toms Hütte" – es lohnt sich nicht, derlei zu kommentieren. Daß auch Jan Lenica und George Moorse – für "A" und für "In-Side-Out" – Filmbänder und ein bißchen Geld bekommen haben, reicht nicht, den Schwachsinn des Unternehmens Deutscher-Film-und-deutscher-Staat zu vertuschen.

Aber die Berlinale ist besser geworden, immerhin etwas. Man hat nicht auf Edmund Luft, den Mann von der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft gehört, der vorgeschlagen hatte, nicht die Berlinale zu reformieren, denn das sei gar nicht notwendig, sondern einfach ihre Kritiker rauszuwerfen. Man hat sich angestrengt, das Wettbewerbsprogramm drastisch reduziert und zwei kompetente Leute in die Auswahlkommission gebeten: Was an interessanten Filmen zur Zeit aufzutreiben war, gab es in Berlin zu sehen, daß die meisten der interessanten Filme nicht gut waren, ist eine andere Sache, eine dritte schließlich, daß auch beim besten Festival hinter den Kulissen gefochten wird.

Der Film "31 Grad im Schatten" von Jiri Weiss zum Beispiel, eine englisch-tschechische Co-Produktion, ist aus unbegreiflichen Gründen nur außerhalb des Wettbewerbs gelaufen: Aus künstlerischen Gründen habe ihn die Auswahlkommission abgelehnt, hieß es, den wahren Grund verschwieg man. Wie man weiß, sind ja zur Berlinale Filme aus den Ostblockländern nicht zugelassen ...

Dafür lief der japanische Film "Geschichten hinter Wänden" innerhalb des Wettbewerbs. Die anderen japanischen Filme, die zur Wahl gestanden hätten, seien noch schlechter und außerdem viel langweiliger gewesen, hieß es. Das klingt zumindest seltsam, denn ein Film, der "Geschichten hinter Wänden" noch unterbietet, müßte wenigstens interessant sein. "Geschichten hinter Wänden" liefert nur notdürftig kaschierte Pornographie für Anspruchslose: In einer Wohnblocksiedlung beobachtet ein pubertierender Gymnasiast mit einem Fernrohr das Liebesleben der Nachbarn. Das bekommt ihm nicht. Er versucht, seine Schwester zu vergewaltigen, was ihm nicht gelingt; eine Frau, die ihm gern zu Willen wäre, bringt er um. Natürlich, die Wohnblocks. Schon die erste Einstellung – ein Pärchen liebt sich unter einem überdimensionalen Stalin-Porträt und spricht dabei vom Friedenskampf – enthüllt das Rezept. Daß der Mann eine gräßliche Narbe auf dem Rücken hat (Atombombe) und die Frau sie kost, versteht sich.

Für eine bestürzende Enttäuschung sorgte Roman Polanski mit "Repulsion" (Ekel), seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm, den er für eine englische Produktion gemacht hat. Dem Film ging der Ruf voraus, er leiste sich das Äußerste. Schon das trifft nicht zu, im rechten Augenbick kippt die Kamera nach oben weg.

Die Geschichte des Mädchens Carol, das sich nicht berühren lassen will und sich deshalb in einer schäbigen Londoner Mietswohnung verkriecht, dort ihren Freund erschlägt und später auch noch dem Hausbesitzer die Gurgel durchschneidet, ist für Polanski nur ein Vorwand, sich anzubiedern. Seine kruden Metaphern verraten es: Ein Kaninchen verwest in der Küche, im Flur greifen Cocteau-Hände nach Carol, die Kartoffeln treiben in der Großaufnahme Keime, Risse platzen mit Getöse in den Wänden auf. Das ist mit einer Empfindungslosigkeit aneinandergestoppelt, die gemein ist: Nicht sein Inhalt, aber der Duktus des Films ist zotig. Das ist um so trauriger, als Polanski einen unerhörten Einfall vertan hat, den, von einem Mädchen zu erzählen, das die brutale und misogyne Übereinkunft derer, die zu wissen meinen, was sich gehört und was gesund ist, mit Wahnsinn und Mord quittiert, das krank wird, statt sich zu fügen.