Münster

Dritter Akt im Gerichtsverfahren gegen Dr. Günter Weigand. Das Stück hat an Spannung verloren und schleppt sich dahin, ohne daß bisher der Knoten geschürzt worden wäre. Noch fehlt der eindeutige Beweis für die Behauptung des Angeklagten, der Rechtsanwalt Dr. Paul Blomert sei ermordet worden und nicht etwa durch Selbstmord oder Unglücksfall ums Leben gekommen.

Das Gericht hörte die Zeugen, besichtigte den Tatort, die Wohnung und das Schlafzimmer der Blomerts. In der Zimmerdecke waren noch die Spuren der Schüsse zu erkennen. Günter Weigand verrückte ein Schränkchen. Aber mehr als das, was man bisher schon gewußt hatte, kam nicht zum Vorschein. Es scheint, als stünde die Chance des Angeklagten, mehr Licht in das Dunkel dieser Affäre zu bringen, nicht gut. Vielmehr bekommt man den Eindruck, als habe er sich nun selbst in diesen Fall verheddert, der anderen Beteiligten schon Unglück genug gebracht hat.

"Aber was hätten Sie getan", fragt er in einer Verhandlungspause, "wenn das glänzendste von elf Kindern eines einfachen Mannes unter ungeklärten Umständen zu Tode kommt?" Ungeklärt – das ist ein Selbstmord von ganz allein, sobald er von einem Katholiken aus Münster begangen wird – weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Besonders wenn es sich um ein prominentes Mitglied der Münsteraner Gesellschaft handelt: Spuren wurden verwischt oder gar nicht aufgenommen, Beamte wurden plötzlich sehschwach, Staatsanwälte arbeiteten mit verdächtiger Rücksichtnahme.

Die wichtigste Leiche Münsters wurde im gerichtsmedizinischen Institut einem jungen Assistenten anvertraut, der bis dato noch nie eine Leiche untersucht hatte. Es war seine erste, und ihm fiel daran nichts Besonderes auf. Der Fall wurde diskret verschleiert und wurde immer monströser, je hartnäckiger Günter Weigand zu Werke ging und ein Kapitalverbrechen unter dem Tabu vermutete. Wenn in diesem Gerichtsverfahren jetzt dennoch Selbstmord "erweislich wahr" würde, dann hätte der Angeklagte einigen Leuten aus Münster schon im Leben die Hölle bereitet.

Auch die Witwe Paul Blomerts sagte als Zeugin aus. In seinen Flugblättern hatte Weigand die attraktive Frau als "Prominentenliebchen" bezeichnet und des Mordkomplotts beschuldigt. Dem Gericht lieferte sich Ulla Blomert mit Haut und Haaren aus, rücksichtslos gegen sich selbst, bereit, auf alle Fragen einzugehen, nichts zu beschönigen, nur in der einen Hoffnung, nach vier Jahren Hetzjagd endlich ein Ende zu sehen.

Sie schilderte ihr Leben mit Paul Blomert. Dem Gerichtsvorsitzenden, einem Mann, bei dem man voraussetzen darf, daß er ein guter Familienvater und pflichtbewußter Staatsbürger ist, fiel das psychologische Einfühlungsvermögen für diese unglückliche Ehe offensichtlich schwer. Leicht irritiert zeigte er sich von den Versuchungen und Abgründen menschlichen Schicksals, die hier aufgedeckt wurden. Mühsam wurden elf Jahre Blomertsches Eheleben durchgeackert, um den Schlüssel für den Tod Blomerts zu finden.

Der Mann, Rechtsanwalt und Sozius in der Anwaltskanzlei des ehemaligen Oberbürgermeisters Busso Peus, hatte seiner Frau schon mehrmals mit Selbstmord gedroht. Auslösender Faktor, so meint seine Witwe heute, sei schließlich die Einmischung des Oberbürgermeisters in die Ehe seines Sozius’ gewesen: Peus stellte ihm eine Frist von vier Wochen, um das Zusammenleben mit seiner Frau "bis ins Detail" wieder in Ordnung zu bringen, anderenfalls müsse er sich von seinem Partner trennen. So erstaunlich klang das nicht mehr für jene, die Peus als Zeugen im Gerichtssaal erlebt hatten: "Er hat Selbstmord begangen, und ich bin finanziell der Dumme", war sein Kommentar zu Blomerts Tod.

Kühl und sicher beantwortete Ulla Blomert alle Fragen, die sich mit ihrem Verhältnis zu einem anderen Mann beschäftigen. Da wurde gefragt:

"Haben Sie Photos ausgetauscht?"

"Haben Sie sich zu bestimmten Zwecken in Ihrer Wohnung getroffen?"

"In welchen Cafés haben Sie sich getroffen?"

"Haben Sie sich telephonisch oder brieflich verabredet?"

"Wie lange hat das angehalten?"

"Haben Sie nicht mal zwischendurch Gewissensbisse gehabt, ihrem Mann gegenüber?"

"Man kriegt ja auch mal einen Moralischen – haben Sie da versucht abzubrechen?"

"Stand eine Eheschließung im Raum?"

"Wie kam es dazu, daß Sie sich weiterhin mit ihm trafen, obwohl Sie das Vertrauen in den Mann verloren hatten?"

"Und Ihr Mann hat nichts von dieser Beziehung gemerkt?"

"Warum brachen Sie endgültig ab?"

Beim Abbruch verlangte der Mann seine Geschenke zurück – trostlos, traurig, banal. Wozu alle diese Details? Wozu die Namen der Cafés, die Frage, wo "es" passiert sei, ob im Auto oder auf der Wiese? Die Fragen nach den Gefühlen und Gewissensbissen? Schutz hat der, der vor Gericht aussagt, wenig oder gar nicht. Jeder kann zusehen, wie er entblättert wird, auch ohne Ausschluß der Öffentlichkeit, und jeder darf sich auf fremde Kosten lüstern laben.

Von der Verteidigung war ein Zeuge geladen worden, dem man vorhielt, ehewidrige Beziehungen zu Ulla Blomert unterhalten zu haben. Der Mann konnte nicht aussagen, was von ihm gefordert wurde. So gut hat er Ulla Blomert nie gekannt. Aber schon sein Erscheinen im Zeugenstand reicht aus, um in der Kleinstadt, in der er wohnt, seinen guten Namen zu ruinieren. Was nützt ihm da noch eine Klage? Ein Sinn ist hinter all diesen Erniedrigungen und Demütigungen nicht immer zu erkennen.

Ulla Blomert überstand das Verhör mit Halturg. Nur einmal verlor sie die Fassung: "Vier Jahre habe ich das ertragen", sagte sie, "und niemals hat jemand an meine Lage und meine Kinder gedacht." "Gesetzt den Fall, diese Tränen waren echt", meinte Weigand dazu nachdenklich, "dann bin ich wohl schuld daran?"

Der Prozeß zeigt bereits die ersten Auflösungserscheinungen: Sachverständige bitten, nach Hause gehen zu dürfen – zu wichtigerer Arbeit.

Das einzige Geheimnis, das bisher keine vernünftige Erklärung gefunden hat, bleibt Weigands unrechtmäßige Einweisung in die Irrenanstalt mit all ihren Begleiterscheinungen. Und schon aus diesem Grunde wünscht man dem Angeklagten, daß er noch einen guten Abgang aus diesem Prozeß findet, der für die stickige Münsteraner Atmosphäre so typisch ist.

Nina Grunenberg