Ich kann mir solch fragwürdiges Vorgehen der Verlage nur aus zwei Gründen erklären: Irgendein Lektor weiß immer ganz genau (und besser natürlich als der Autor), was den Leser interessiert. Oder man will dem schlecht bezahlten Übersetzer auf dem Wege der Herausgeberschaft noch ein weiteres Salair zukommen lassen; das wäre aber auch ohne weitere Umstände möglich. Und in der Tat handelt es sich bei den erwähnten Bänden um hervorragende Übersetzer. In unserem speziellen Falle um Karl August Horst, dessen Verdienst, Borges in Deutschland eingeführt zu haben, man nicht hoch genug veranschlagen kann. Auch ist es dem Hanser Verlag hoch anzurechnen, daß er ein so bedeutendes und schwieriges Werk in den preiswerten Hanser-Broschüren herausbringt.

Karl August Horsts Auswahl umfaßt, wie er erläutert, die Aufsätze über das „problematische Verhältnis von Zeit und Ewigkeit“. Ein weiterer Band mit den rein literarischen Essays soll folgen.

Hier wäre sogleich einzuwenden, daß Borges in allen seinen Essays von Literatur handelt. Seine Überlegungen zu „Zeit und Ewigkeit“ gehören selbstverständlich zu seiner Dichtungstheorie, ganz zu schweigen von den Aufsätzen „Die Realitätsforderung“, „Vom Bücherkult“, „Die Erzählkunst und die Magie“, die unmittelbar auf Literatur Bezug nehmen und mit dem Thema „Zeit und Ewigkeit“ gar nichts zu tun haben.

Borges lebt in einem späten, „alexandrinischen“ Bewußtsein. Seiner Gelehrsamkeit stehen Literaturen und philosophische Systeme aller Länder und Zeiten zur Verfügung, und sie werden seiner Dichtung wie seiner Essayistik zum Material, das dem Ausbau eines einzigen großen Gedankens dient.

Borges ist besessen von der Vorstellung, der menschliche Geist habe „aus dem Nichts“ eine Welt von Gedankensystemen geschaffen, die nun bis ins Unendliche fort weitere Gedankensysteme und dichterische Fiktionen erzeuge. Wenn sein besonderes Interesse sich antirationalistischen Systemen wie Kabbala, Gnosis, Magie und Mystik zuwendet, so drückt sich darin aus, daß er diese in sich geschlossenen Gedankengebäude, gleich der Dichtung, als Fiktionen ansieht, als autonome Schöpfungen des menschlichen Geistes, die, sobald sie einmal erdacht sind, eine eigene Realität gewinnen, und zwar eine Realität, die bedeutungsvoller ist als die der Welt der äußeren Erscheinung. Diese ist nur da, aber sie bedeutet nichts. Bedeutend wird sie erst, sobald sie im menschlichen Hirn Struktur gewinnt.

Nehmen wir ein Beispiel, das sich mit der dichterischen Fiktion befaßt. In dem Aufsatz „Die Erzählkunst und die Magie“ reflektiert Borges unter anderem darüber, daß Edgar Allan Poes „Narrative of A. Gordon Pym“ – eine Erzählung, die als eine der üblichen Seefahrergeschichten beginnt und im Phantastischen endet – zu nichts anderem diene als der „Furcht und der Verunglimpfung der Farbe Weiß“. Jeder, der sie gelesen hat, wird selber empfunden haben, wie ihm gegen Ende der Geschichte die Farbe Weiß tatsächlich unheimlich wurde. Etwas Erfundenes, Fiktives also wird wirksam. Aber nicht allein darauf will Borges hinweisen. Ihn interessiert, daß diese Fiktion Poes wiederum die Auffassung der Farbe Weiß bei Mallarmé inspiriert hat und daß Herman Melville in seinem berühmten Kapitel „The Whiteness of the Wale“ im „Moby Dick“ diese Konzeption weiter fortspinnt.

Eine Fiktion also wird zur Bewußtseinsrealität, schafft weiteres Bewußtsein bis hin zu Borges selbst. Damit ist sie real auch in der Welt der äußeren Erscheinung, denn auf diese wirkt sie ein. Dazu aber ist sie erst fähig, wenn sie in sich geschlossen und stimmig ist, „kausal“, wie Borges das nennt.