R. H., Hamburg

Am vierzehnten Juli wurde die des Raubmordes an der Zahnarztwitwe Moser angeklagte Tschechin Eva Maria Mariotti vom Schwurgericht in Hamburg wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Dieser Freispruch beendete den dritten – und letzten Prozeß, der Frau Mariotti wegen eines im Juni 1946 geschehenen Mordes gemacht wurde.

Die erste Hauptverhandlung gegen die Angeklagte endete ohne Urteil, weil das Gericht noch weitere Ermittlungen für notwendig hielt; die zweite, im März 1964, mit der Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus. Ein kleiner Formfehler, der dem Gericht unterlaufen war, bescherte der Frau Mariotti dann neue Hoffnung: das Protokoll über eine Tatortbesichtigung vor der Hauptverhandlung hatte in der Urteilsbegründung eine Rolle gespielt, war aber versehentlich nicht vor Gericht verlesen worden.

Das neue Schwurgericht unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Backen sah sich einem Hauptbelastungszeugen gegenüber, der erheblich an Glaubwürdigkeit verloren hatte. Erich Sterba, der behauptete, die Mariotti wäre Anstifterin und Mittäterin und er nur ihr „Sklave aus Leidenschaft“ gewesen. Dieser Sterba war 1964 mit angeblich präzisen Erinnerungen vor dem Gericht in Hamburg erschienen, die sich jetzt, ein Jahr später, nur noch sehr ungefähr abzeichneten. Er verwickelte sich in Widersprüche und log in etlichen Punkten nachweisbar.

Ein Zeuge wie dieser konnte dem Gericht nicht als verläßliche Basis für eine Verurteilung der Frau Mariotti dienen. Ein Mann, der nach Meinung des Schwurgerichts nicht einmal über Szenerie und Technik seiner Tat die Wahrheit sagte. Abgeräumt wurden jetzt die altvertrauten Kulissen des Schauerdramas, das Erkerzimmer mit dem Harmonium, an dem das Opfer unmittelbar vor der Tat das „Ave Maria“ gespielt haben sollte. In der Rekonstruktion dieses Gerichts kommt auch das von Sterba angeblich als Mordwaffe benutzte Stuhlbein nicht mehr vor. Das Gericht nimmt an, daß er seinem Opfer eine mit Wasser gefüllte Weinflasche auf den Kopf schlug, wodurch die rätselhaften Glassplitter im Haar der Toten erklärt werden könnten. Im neuen Bilde der Bluttat fehlt auch das Schleifen der Leiche durch einen langen Flur hin zur Küche. Die Küche selbst gilt jetzt als der Ort, an der Sterba die Witwe ermordete.

Das jedenfalls ist – wie der Vorsitzende in der Urteilsbegründung meinte – die „Möglichkeit eines Mosaiks –, in das sich die Bruchstücke der Wahrheit einfügen lassen“.