Von Kai Hermann

Pfarrer Heinrich Werner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Friedens-Union (DFU), blickte hilfesuchend in die Runde. Nicht daß ihn die Frage nach den Kommunisten in seiner Partei in Verlegenheit gebracht hätte, aber die Ignoranz und Böswilligkeit, die er hinter solchen Fragen vermutete, machten ihn offenbar betroffen.

Natürlich seien auch Kommunisten in der DFU, die Partei habe aber keine kommunistischen Ziele, und er sei ebensowenig Kommunist wie die meisten anderen Mitglieder der Friedensunion. Neben ihm saßen ein katholischer Bibliothekar, ein pazifistischer Lehrer, ein DDR-Flüchtling und ein Bewunderer des Ulbricht-Staates – sie alle Bundestagskandidaten der DFU.

Ob er meine, so fragte ich, daß man gemeinsam mit Kommunisten gegen Notstandsgesetze und für pazifistische Ziele kämpfen könne, ohne die politische Glaubwürdigkeit zu verlieren. Pfarrer Werner lächelte verzeihend: Er sei Christ, aber er glaube an die Marxsche These, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimme. Ihr Sein in der DFU präge das politische Bewußtsein der Kommunisten: im Kampf für die Erhaltung der freiheitlichen Verfassung und den Frieden.

Karl Marx und Jesus Christus sind also ihre Kronzeugen. Die DFU-Führer verstehen sich nicht als Politiker, sondern als Missionare, und sie sehen ihre Partei als politische Heilsarmee. Wer sich mit einer Unterschrift zu ihnen bekennt, gilt als bekehrt. Sie ziehen aus, ein ganzes „irregeführtes Volk“ auf den rechten Weg zu führen.

„Die Freunde Ulbrichts“ nannte der SPD-Pressechef Barsig die DFU in Anspielung auf die Parteiinitialen. Die so hinterhältig Attackierten boten ihrem Gegner die linke Wange: sie bekannten sich zu den Kommunisten in ihren Reihen. Sie selbst sehen sich im politischen Nie mandsland zwischen Ost und West, auf der Seite der Vernunft und der Moral. Wie es ein Kirchenpräsident a. D. formulierte: „Wir wollen die finstere Nacht der Lüge bekämpfen mit den lichten Waffen der Wahrheit... wir wollen nicht erkalten in der Liebe zu unserem irregeführten Volk.“

Vor nun fast fünf Jahren versammelten sich die versprengten Kader der „Kampf dem Atomtod“-Bewegung – von der SPD enttäuscht und verstoßen – in Stuttgart zur Gründung der Deutschen Friedens-Union. Es waren bekannte und ehrbare Staatsbürger, die Pate standen, um die Partei auf demokratischem Wege zur „wahren Opposition“ der Bundesrepublik zu machen. Zum Fußvolk zählten der Verleger Ernst Rowohlt und der Bildhauer Ewald Mataré. Am Vorstandstisch saßen damals der ehemalige Bundessekretär der „Falken“, der Marxist Lorenz Knorr neben dem ehemaligen CDU-Anhänger Graf von Westphalen. Die streitbare Demokratin und Pazifistin Professor Renate Riemeck neben dem Kleingärtnerfunktionär und SED-fellowtraveller Albert Berg.