Wenn der Schweizer Gelehrte Sigfried Giedion seine Untersuchungen über die Entstehung der Kunst, eine erweiterte Form seiner Vorlesungen an der National Gallery in Washington, unter dem Titel "Ewige Gegenwart" publiziert, so hat er das sicher nicht getan, weil Ewige Gegenwart schön und poetisch klingt und dem Publikum mehr verspricht als einen trockenen Abriß der prähistorischen Kunst.

Der Titel impliziert ein Bekenntnis des Autors, er enthält im Keim den Ausgang und das Ziel seiner Untersuchungen. Ewige Gegenwart meint Ewige Wiederkehr: "jene Qualität des menschlichen Bewußtseins, die plötzlich wieder Dinge an die Oberfläche des Bewußtseins zurückbringt, die anscheinend in unergründlichen Tiefen versunken waren". In dieser Sicht schrumpfen die Jahrzehntausende zusammen. Die schöpferischen Künstler unserer Zeit hätten ihm den Weg zu den Ursprüngen der Kunst gewiesen, sagt Giedion, ein profunder Kenner der modernen Kunst und Architektur. Er will die bildnerischen Dokumente der Urzeit gerade nicht isoliert und um ihrer selbst willen betrachten, sondern in ihrer Beziehung zur Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts.

In seinem vorzüglichen Abbildungsmaterial bringt Giedion neben den prähistorischen Objekten Bilder von Klee, Mirò, Kandinsky, Arp, Léger, Chagall, die zum Vergleich herausfordern. Sie ermöglichen es ihm, einen Katalog der "Ausdrucksmittel" aufzustellen, die sowohl in der frühen wie in der heutigen Kunst verwendet werden: Abstraktion, Transparenz, Simultaneität, Bewegung, Symbolisierung.

Aber ist es wirklich das Gleiche, was in der modernen Kunst wiederkehrt? Kann wirklich im Hinblick auf die Maler der Gegenwart von einer "Annäherung an die primitive Mentalität" die Rede sein? Die These von der Ewigen Gegenwart behauptet, daß das schöpferische Prinzip konstant bleibt. Kunst ist nach Giedion "Uraussage": "Sie wächst aus des Menschen innerster Leidenschaft, ein Medium zu schaffen, um seinem Innenleben Ausdruck zu geben." Aber diese These widerspricht allen Erfahrungen der Urzeitforscher. Die frühesten bildlichen Darstellungen waren nicht Ausdruck eines Innenlebens, sie dienten der rituellen Praxis, das Bild war Wunschbild und Wunscherfüllung.

Aber auch wenn man Giedions Grundthese, so verführerisch sie sein mag, nicht akzeptiert, so bieten seine Einzeluntersuchungen über die paläolithische Kunst, speziell über ihre Symbole, eine Fülle neuer, oft überraschender Gedanken. (Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 442 S., 371 Abb., 98,– DM.) Gottfried Sello