Erziehung zur Wahrheit – Auch Kinder sind Personen

Von Horst Wetterling

Es gehört zum Amt des Lehrers, "im Kinde das Kind zu betrachten"; es macht den Kern jedes pädagogischen Ethos aus, das Kind ernst zu nehmen, in seiner Unbeholfenheit so gut wie in seiner ihm eigentümlichen Vollkommenheit.

Das bedeutet:

Der Lehrer springt dem Kinde bei seinem Streben bei, in die Verständigungsgemeinschaft unseres Volkes hineinzugelangen. Er lehrt es die grundlegenden Fertigkeiten und Techniken der Zivilisation und führt es von Grunderfahrungen allmählich zu Einsichten, aus denen zum einen ein sicherer Bestand an vorweisbaren Kenntnissen, zum anderen die Grundbegriffe hervorgehen, mit deren Hilfe es in unbekannte Sachverhalte verstehend eindringen, immer selbständiger urteilen und schließlich verantwortlich handeln kann.

Am Wesen der Kindheit – an jener Unbeholfenheit also, wie sie durch private Bestimmungen skizziert wird – hat der Lehrer abgelesen, daß es gilt, ein Kind zur Selbständigkeit zu führen. Selbständig aber ist der Mensch, wenn er aus freiem Willen und aus eigener Kraft das sachlich Notwendige tut, seine Lage meistert. So geht rechte Erziehung stets auf den letzten Wert des Menschen. Der Wert des Menschen liegt im sittlichen Selbst. Daß dieses Selbst, Wesen und Bestimmung des Menschen nämlich, in Erscheinung trete und sich gegenüber dem Unwesen behaupte, ist die Sorge des Erziehers. So hat auch, seine Lehre nur Sinn, wenn er ein Kind dahin führt, daß es – mit den Worten des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen – "in der ständigen Bemühung lebt, die Gesellschaft und die Welt zu verstehen und diesem Verständnis gemäß zu handeln".

Daß der Lehrer in seiner Lehre frei sein muß, ist leicht einzusehen: Auch wenn wir davon absehen, daß sich Freiheit nur dort entfaltet, wo der freien Selbstbestimmung genügend Spielraum eröffnet wird – und eben die freie, sittliche Entscheidung des Kindes anzubahnen, ist die Aufgabe des Lehrers – selbst abgesehen davon, liegt dieser Anspruch in der Natur der Sache selbst: