Die Schweizer entwickeln ein bemerkenswertesGeschick in der Erfindung von Slogans, die keineswegs penetrant nach Werbung riechen, vielmehr auf literarischer oder historischer Ebene plätschern und dennoch ihre Werbewirksamkeit nicht verfehlen. Nach dem Rousseau-Gedächtnisjahr "Zurück zur Natur" kam das "Jahr der Alpen" dran. Mittelpunkt, der dem Jahresmotto auf die Beine half, ist der berühmteste und photogenste Steinhaufen der Alpen: das Matterhorn.

Im Schatten des 4477 Meter hohen Berges, der vor hundert Jahren von Bergsteigern bezwungen wurde, ist das ehemalige Bergdorf Zermatt zu einem internationalen Touristenort aufgeblüht, der in seiner Buntheit einmalig in den Alpen ist. Zwar existieren noch viele alte Häuser, auch das kleine Pfarrhaus, in dem 1812 die ersten Zermattbesucher logierten, aber keine zehn Schritte davon entfernt öffnen sich automatisch die Glastüren eines Sportgeschäfts. Mancher Bergführer betreibt nebenbei eine chic ausstaffierte Boutique, und auf der Hauptstraße treffen sich Hochgebirgstypen wie aus dem Bilderbuch und alpine Nixen wie aus dem Modejournal.

Zermatt hat 2500 Einwohner und mehr als 7000 Fremdenbetten, und von Jahr zu Jahr wachsen neue Hotels und Chalets aus dem kargen, aber teuren Alpenboden. Verwischt freilich sind die nach PS und Chrom bemessenen Klassenunterschiede, denn noch darf bis zum Fuß des Matterhorns kein Auto vordringen, die Hotels brauchen keine Parkplätze, sie können Liegestühle in ihre Vorgärten stellen – und die Gäste sind dankbar dafür. Ein wichtiger Mann ist der Straßenkehrer, der die Pferdeäpfel einsammelt, die unter den Kutschen der Hotels, mit denen Gäste und Gepäck vom Bahnhof abgeholt werden, zu Boden fallen. Im stillen drängt sich dem Besucher schier der Eindruck auf, als sei Zermatt nach der Typhusepidemie des Winters 1963 fürderhin von einem Reinlichkeitsfimmel befallen worden.

Und das Matterhorn ist überall: auf Stocknägeln, Kindermalkästen, Schlüsselbundhaltern, Zigarettenetuis und Krawattennadeln, auf Schnapsflaschen, Pralinenpackungen, Torten, Taschentüchern und Kugelschreibern, zwischen Stimulans-Lutschtabletten in der Apotheke und auf 27 Gramm schweren Goldmünzen, die zum Preis von 200 Franken ihre Käufer an die denkwürdige Erstbesteigung im Jahr 1865 erinnern sollen. Ohne oder mit Führer (160 Franken) besteigen in jedem Jahr – je nach Wetter – etwa fünftausend bis sechstausend Menschen das Matterhorn, und nicht selten müssen Seilschaften unterhalb des Gipfels anstehen, weil dieser vorübergehend überfüllt ist. Wer an ihm herumturnt, muß auch erkennen, daß der augenscheinlich ideale Berg ein reichlich brüchiges Gebilde ist. Aber er ist tatsächlich faszinierend, wenn man ihn vom Tal aus oder von einer der Bergbahnstationen oberhalb Zermatts betrachtet.

Das junge Reiseland Indien zwar hat höhere Berge, aber ein Schweizer Verkehrsexperte nennt es eine "Mißachtung des Fairplay, das im völkerverbindenden Tourismus gilt", weil jüngst in einer indischen Werbeanzeige einem unscheinbaren Abziehbildchen des Matterhorns groß und breit die Bergszenerie des Mount Everest gegenübergestellt wurde. Dazu die Frage: "Was ist dem Himmel näher als die Alpen?" Antwort: "Das Himalajagebirge." Und die routinierten Schweizer hatten ja schließlich auch keine schlechten Einfälle. Zum "Jahr der Alpen" bieten sie sogar Spraydosen mit frischem Lärchen- und Arvenduft an. Gert Kreyssig