Zwischen denen, die der Zeit entfliehen wollen, und denen, die ihr nachrasen, wird die Auseinandersetzung erbitterter, sogar in Pariser Modekreisen, die doch das Bild der Frau der Zukunft bestimmen wollen. Die einen nahmen und nehmen immer wieder Anregungen aus vergangenen Zeiten (der russischen Zaren, der Jahrhundertwende, des Empire und weiter zurück), die anderen suchen über die zwanziger Jahre hinauszuwachsen, als die Verwandlung der Frau das gesellschaftliche Leben bestimmte, als sie sich befreite von langen Haaren, langen Röcken, Unterröcken und Corsagen, als die Erotik der Verhüllung vorbei war und der Garçonne-Typ mit Sex-Appeal zu siegen begann, beinfrei, kniefrei. Seitdem werden die Dünnen gefeiert, die Molligen kasteien sich, und noch Großmütter sind Girls.

Wenn es André Courrèges, der in Paris neuerdings soviel von sich reden macht und enthusiastische Mitläufer wie erbitterte Gegner auf den Plan rief, gelingen sollte, einen solchen Einfluß wie Dior zu gewinnen, der den New Look durchsetzte und damit eine Reaktion auf entbehrungsreiche Kriegszeiten und Vermännlichung der Frau ausdrückte, so wird die zeitgemäße Kleidung der Frau sich zwar nicht schon im nächsten Jahr; aber doch in naher Zukunft endgültig von bisher noch gefeierten ästhetischen Prinzipien und von aller gerüschten und mit Juwelen und Flitter überglänzten Romantik lösen. Der Idealtyp, der die Szene beherrschen wird, dürfte konsequenter als bisher der technischen Entwicklung angepaßt sein, die keine bequemen Equipagen mehr, sondern enge rollende Blechkästen bereithält und die Frauen mehr und mehr an Maschinen stellt und in nüchterne Büros treibt. Schon ist der neue Begriff "Astronauten-Mode" geprägt. Diese Mode, geometrisch konstruiert, sympathisiert nicht nur mit Pop- und Op-Art, sondern folgt allgemein den die Welt prägenden Strömungen der Kunst, die alle seit Jahrhunderten gültigen ästhetischen Begriffe längst über Bord geworfen hat.

Der Appell, der an die gleichberechtigte Frau erging, im Beruf ihren Mann zu stehen, erlaubt ihr nicht mehr die Würde des Alters. Matronen im Berufsleben sind anachronistisch. Elastisch, ohne Fett, in jugendlicher Frische, so versucht sie dem zeitgenössischen Ideal zu entsprechen und den Konkurrenzkampf zu bestehen. Jugendlichkeit ist gleichbedeutend mit Energie, Tatkraft, Selbstvertrauen. Alter wird nicht mehr als gleichberechtigt anerkannt und daher bis zuletzt mit Mitteln der Mode und Kosmetik kaschiert.

Wenn die Revolution des jungen Courreges siegen wird, werden die Frauen kniefrei oder in Hosen, in weichen Stiefeln mit flachen Absätzen endgültig befreit von den beengenden Corsagen erscheinen. Röcke, Büstenhalter, Strumpfgürtel hält der in die Zukunft blickende Mann für überholte Kleidungsstücke: "Unser Metier hinkt in seiner Rückständigkeit um Generationen zurück." Die abgebrochene Entwicklung der zwanziger Jahre will er folgerichtig fortsetzen. Wenn nicht alles täuscht, werden andere Schönheitsbegriffe herrschen, die weibliche Formen nicht mehr anhimmeln. Die schließlich nur noch äußerlich betonten, provokanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden eines Tages gewiß auch von der Mode eingeebnet. Nicht mehr gefühlsbetont, sondern von praktischen Grundsätzen, von Zweckmäßigkeit geleitet, wird auch die weibliche Mode sich den Zeitumständen fügen, wie schon die männliche mehr Uniform als Mode geworden ist. Ist es erst soweit, dann wird es Schluß sein mit jenem phantasievollen Spiel sensitiver, feinnerviger Ästheten, die in den letzten Jahren in Paris immer wieder noch ein Frauenbild totaler Weiblichkeit heraufbeschworen, das es nur noch in ein paar letzten Exemplaren der ganz Reichen gibt: unwirklich zart, zerbrechlich, ätherisch, behütet, verwöhnt und – nicht berufstätig, jenes Bild, das sich in der Öffentlichkeit in einem Scheinbild materialisierte: im Mannequin. Die Launen der Erfinder, die in der Haute Couture im Luxus schwelgten und damit Maßstäbe geben wollten, denen die Konfektionäre und Schneider nachstrebten, werden immer weniger gelten, denn sie wenden sich nicht an die bestimmende Menge der arbeitenden Frauen aller Sozialkategorien. Weder ihr Lebensstil noch ihre Gestik stimmen mehr mit diesen weibliche Hingabe verlangenden Modellen überein, und die oft drittklassigen, verwässerten, durch billiges Material entzauberten Adaptionen und Nachahmungen im Warenhaus sind oft nur eine Karikatur des Originals und machen auch aus den Frauen, die sie tragen, Karikaturen.

Schon zeigen sich Courrèges’ Zukunftsvisionen auch in anderen Couturehäusern, und die wild wuchernde romantische Mode scheint Rückzugsgefechte zu führen. Ist sie noch erwünscht? Gehört sie noch in die Zeit der Weltraumflüge? Über den Stand der Pariser Auseinandersetzungen, die die jüngsten Vorführungen der Haute Couture auslösten, berichtet unsere Pariser Mitarbeiterin.

EM