Von Ernst Weisenfeld

Paris im August

Man wird nie wissen, wieviel Kriegslist der Befehl enthielt, mit dem General de Gaulle allen französischen Offizieren verbot, an der nächsten großen Stabsübung der NATO, "Fallex 66 sowie auch nur an ihren Vorbereitungen teilzunehmen. Wollte er nur ein Exempel statuieren oder wollte er eine Kettenreaktion auslösen, den NATO-Oberbefehlshaber zu einer Protestaktion herausfordern und dann die Frage der integrierten Stäbe im atlantischen Bündnis zur Diskussion stellen?

Man wird es nicht wissen, denn Fallex 66 wird auch ohne französische Beteiligung stattfinden – ohne seine nationalen Streitkräfte und Dienststellen und ohne die der NATO unterstellten Offiziere und Einheiten. Es wird keine Proteste und keine Diskussionen geben, und man wird wahrscheinlich am Schluß feststellen, daß es um die europäische Verteidigung nicht viel besser oder schlechter bestellt ist, wenn Frankreich mitmacht oder schmollt.

Im atlantischen Hauptquartier in Rocquencourt bei Paris verspürt man sehr wohl, daß der Entschluß, den französischen Offizieren die Teilnahme an diesen NATO-Manövern zu verbieten, ein Schlag gegen die Bündnisorganisation und nicht nur eine Demonstration gegen strategische Pläne ist. Sicher ist die Begründung, die der französische Generalstabschef Ailleret in seinem Brief an General Lemnitzer gab, mehr als ein Vorwand. Er verlangte, daß die NATO auch in ihren Übungen nicht von der Strategie der unmittelbaren Vergeltung abgehe. Aber er weiß – und es wurde ihm auch gesagt –, daß Stabsübungen, an denen alle Regierungen, alle Teile der Bündnisorganisation und alle Stäbe – bis hinunter zu den Korps und manchmal auch bis zu den Divisionen – teilnehmen sollen, von einer "Kriegslage" ausgehen müssen, die einige irreale Züge trägt. Hier kommt es darauf an, daß alle mitspielen können, und nicht, daß die gegenseitige massive Vernichtung so schnell wie möglich beginnt. Die französischen Offiziere in den höchsten Kommandostellen haben sich noch bis in die letzten Monate an der Auswertung von "Fallex 64" beteiligt. Frankreich hat auch die Möglichkeit von Gegenvorschlägen für das Manöverspiel nicht ausgenutzt. Die Unzufriedenheit mit der Manöveranlage von "Fallex 66" war also ein offensichtlich willkommener Anlaß für eine Demonstration – für eine Attacke gegen das Integrationsprinzip in der NATO.

Es ist dies der härteste Schlag, den die Paktorganisation bisher erhielt. Die Autorität des NATO-Hauptquartiers und seines Oberbefehlshabers, General Lemnitzer, bei den unterstellten Offizieren und Verbänden wird in Frage gestellt, und es wäre nicht zu verwundern gewesen, wenn Lemnitzer mit seinem Rücktritt geantwortet hätte. Als General de Gaulle den NATO-Stäben seine Marine-Offiziere völlig entzog, traf er den Nerv des Bündnissystems doch nicht so hart wie jetzt. Die Griechen haben ihre Offiziere aus dem NATO-Stab im türkischen Izmir abberufen. Auch sie schwächten damit die Paktorganisation – aber sie stellten sie nicht in Frage. Der französische Staatspräsident bringt seine Offiziere in einen Loyalitätskonflikt, in dem sie lernen sollen, daß sie ständig den Weisungen ihrer Regierung unterstellt bleiben. Integrierte Stäbe haben damit ihren Sinn verloren.

In der Praxis kann man über die französische Opposition hinwegkommen, solange sie nicht auf Obstruktion hinausläuft, und das ist bisher nicht der Fall. Paris legt der Durchführung des Fallexmanövers keine weiteren Schwierigkeiten in den Weg, es versucht seine Durchführung nicht zu blockieren, es entzieht ihm nicht den Gebrauch von Fernmeldeleitungen, auch wenn sie von französischem Personal bedient werden.