Von Johannes Jacobi

Man muß einmal in Bregenz gewesen sein, um zu ermessen, was Salzburg noch immer bedeutet. In der östlichen, der österreichischen Bucht des Bodensees feiert man dieses Jahr Jubiläum: Seit zwanzig Jahren wird dort Operette auf einer "Seebühne" inszeniert – Grund genug, daß der österreichische Bundespräsident, der seit 1952 die Bregenzer Festspiele in eröffnen pflegt, diese in eine Beziehung zum zwanzigjährigen österreichischen Nachkriegsstaat setzte.

Der jüngste der inflationistisch zahlreichen österreichischen Ehren-Professoren, der Bregenzer Festspieldirektor Ernst Bär ein agiler Kulturnanager, stand seinem hohen Gönner nicht nach und reklamierte für Bregenz die klassische Dperette als "eine echte Aufgabe der Bregenzer Festspiele, als eine schlecht exportierbare Besonderheit des österreichischen musikalischen Schaffens".

Trotzdem erscheint den Festspielauguren selber die Bregenzer "See-Operette" wohl nicht ausreichend seriös. Regelmäßig eröffnen sie nämlich den bunt gemischten Festspielmonat mit der Uraufführung eines Schauspiels. Das findet im Kornmarkt-Theater statt, einem der fadesten Neubauten der Nachkriegshausse in Theatergebäuden.

Aus einem internationalen Wettbewerb der Bregenzer Festspiele ging vor Jahren Reinhold Schneider mit seinem "Großen Verzicht" als Preisträger hervor. In diesem Sommer führte man von dem Polen Roman Brandstaetter den "Tag des Zorns urauf – eine Mischung aus psalmodierendem Sprechchor-Oratorium und handfester Kolportage zwischen einem Klosterprior und seinem zu Hitler entlaufenen römischen Studienfreund, einem polnische Juden abknallenden SS-Sturmbannführer.

"Festspielhaft" wie der ethische Anspruch des Uraufführungsschauspiels soll daneben die italienische Spieloper sein, dargeboten von Italienern. Und weil es für den örtlichen Fremdenverkehr wenig ertragreich wäre, wenn alle die 6400 Zuschauer, die auf der Tribüne vor der "Seebühne" Platz finden, sogleich wieder in Omnibussen abreisten, versucht man, Stammgäste für die Bregenzer Festspiele zu gewinnen durch Gastspiele des Wiener Burgtheaters und Orchesterkonzerte der Wiener Symphoniker, die im übrigen als Operettenorchester unter einem Cellophandach mit auf der "Seebühne" sitzen. In diesem Jahr soll sogar auf dem See eine Uraufführung stattfinden: das Ballett "Die Irrfahrten des Odysseus" mit Musik von Helmut Eder.

Greifen wir als Test nur das Hauptwerk von Bregenz heraus: "Eine Nacht in Venedig" von Johann Strauß. Die Jubiläumsvorstellung ist bereits die dritte Inszenierung im Laufe von zwanzig Jahren. Von der Lokalpresse wurde sie als das non plus ultra der Bregenzer Seebühne gefeiert.