Von Dietrich Strothmann

Der Engel hängt an einem langen Metallseil. Seine Augen sind geschlossen, die Arme kreuzt er furchtsam vor der Brust, der Mund ist stumm. Es ist ein Engel der Toten: Ernst Barlachs "Schwebende", die das Antlitz von Käthe Kollwitz trägt. 1927 goß der Bildhauer die Bronzefigur für den Güstrower Dom, 1933 schleppten die Nazis sie fort und zerstörten sie. Doch Barlach hatte heimlich einen Abguß machen lassen und ihn im Heidesand vergraben. Heute gehört "sein Engel", wie er ihn nannte, der Kölner Antoniterkirche: der trauernde, sprachlose, ausgegrabene Engel, der einsam in einer stillen Kirche schwebt. Ein Symbol des Todes, der stummen Welt. Auch ein Zeichen der Kirche dieser Tage, einer schweigenden, weltfernen Kirche?

Die weißen Fahnen mit den violettfarbenen Kreuzen schlugen, vom Wind gepeitscht, gegen die hohen Masten; die Glocken schwangen in den stählernen Gerüsten; der Klang der Posaunen drang über die Plätze und Dächer der Stadt: In Köln sammelten sich Zehntausende zum 12. Deutschen Evangelischen Kirchentag, zum größten Laientreffen der Protestanten.

Es ist schon ein gewohntes Bild: die imposante Heerschaar der Gläubigen, die mit Sonderzügen, Chartermaschinen, Bussen herbeikommen und sich dann in den Straßen, in den Hallen und Stadien drängen. Die fünftägige Demonstration einer lebendigen, der Welt zugewandten Kirche. Die Zahlen imponieren kaum noch: über 30 000 Dauerteilnehmer, viele Tausend Tagesgäste, viele Hundert Redner, Mitarbeiter, Helfer, über 500 Veranstaltungen. Selbstverständlich ist es auch, daß die Polizei, die Verkehrsbetriebe Großeinsatz haben, daß die Bewohner der Kirchentagsstadt Privatquartiere zur Verfügung stellen, daß Zehntausende von Essenportionen pro Tag verteilt werden. Der Kirchentag ist eine Institution geworden, eine Organisation die klappt. Pannen fallen kaum auf, so schnell sind sie behoben: Noch am Eröffnungstag sah es so aus, als müßten viele Besucher "im Stehen schlafen". Als aber bekannt wurde, daß Kardinal Frings zwei Kirchenmänner in sein Haus aufnahm, meldeten sich spontan so viele Kölner, daß nachher zahlreiche Quartiere frei blieben.

Auch diese Szene gehört schon zum Alltag des Kirchentages: Die Sporthalle auf dem Deutzer Messegelände ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist Sonntag. Dort, wo sonst die Sechstageradler ihre Runden drehen, feiern alte und junge Gemeindemitglieder einen modernen Gottesdienst. Am Rand der schrägen Holzpiste liest man: "Langnese – weil’s Freude macht", "Kaufhof bietet l000fach alles unter einem Dach". Hinter einem Rednerpult steht ein Pfarrer, neben ihm Scheinwerfer und eine Jazzband mit Schlagbaß und Saxophon. Das Wort "Gott" kommt in der Predigt nicht vor, kein "Amen" beschließt sie. Auch das, was nicht althergebracht ist – Wagnis und Experiment – stößt kaum noch auf Widerstand. Die Kirche wandelt sich auf den Kirchentagen und nimmt neue Gestalt an.

In Dortmund, vor zwei Jahren, war eine Gruppe junger Protestanten zum ersten Male vor die Öffentlichkeit getreten, um für eine Kirchenreform von innen zu plädieren, gegen die Verwaltungskirche, die verborgene Herrschaft der Synoden, das sterile System der Presbyterien.

Ein Versuch – voller Ungewißheit, ob er ein Echo finden würde. Ein trockenes Thema, so hieß es damals, uninteressant für die Masse der Besucher eines Kirchentages, die angeblich nur "erhoben" werden wollten. Aber die Skeptiker hatten Unrecht: Die Kölner Diskussionen um die Pläne dieser "Avantgardisten" rangierten an der Spitze der Besucherstatistik. Der Eifer, mit dem hier Tausende an den Podiumsgesprächen teilnahmen, sich Notizen machten, Zustimmung oder Kritik anmeldeten, gehörte zu den großen Überraschungen dieses Protestantentreffens.