In der vergangenen Woche handelte der Moskauer Rabbi Jehuda Levin ein Abkommen mit der sowjetischen Regierung aus, das Erleichterungen für die gläubigen Juden bringen soll. Der Rabbi erhielt die Zusicherung, daß in Moskau wieder ungesäuertes Brot gebacken wird, ein hebräisches Gebetbuch in 10 000 Exemplaren gedruckt werden soll, und das jüdische Seminar 30 Studenten neu aufnehmen darf. Diese Zugeständnisse zeigen freilich auch, daß trotz aller gegenteiligen Beteuerungen des Kreml den Juden in der Sowjetunion die Freiheit der Religionsausübung bislang keineswegs zugebilligt wurde.

Es gibt auch noch keine Anzeichen dafür, daß die vielen Synagogen, die in den vergangenen Jahren geschlossen wurden, wieder den jüdischen Gemeinden zur Verfügung gestellt werden. Die jüdischen Theater, die Stalin verbieten ließ, dürfen noch nicht wieder spielen, und es erscheint bis heute keine größere jüdische Zeitung.

Dennoch schöpfen die Juden zum erstenmal seit der Machtübermhme Stalins wieder Hoffnung. Chruschtschow hatte nichts gegen den latenten Antisemitismus getan, der vor allem in regionalen Parteiorganisationen herrscht. Er machte sich sogar selber zum Wortführer scharfer Attacken gegen Jewtuschenkos Gedicht "Babi Jar". Unter Chrutschtschows Regime wurden die größten Synagogen geschlossen, offene antisemitische Propaganda geduldet und in Schauprozessen Juden für ökonomische Schwierigkeiten und "Wirtschaftsverbrechen" verantwortlich gemacht.

Der neue Kurs gegenüber den Juden ist wohl vor allem auf den Einfluß Mikojans zurückzuführen. Unter Chruschtschows Nachfolgern durfte Ilja Ehrenburg eine Legende zerstören, die auch nach Stalins Tod noch verbreitet wurde: daß der berühmte Regisseur des Jiddischen Staatstheaters, Solomon Mikoels, bei einem Autounfall uns Leben gekommen ist. Ehrenburg berichtet in seinen Memoiren, daß Solomon ein Opfer von Berias Geheimpolizei wurde.