Im höchsten Norden Europas ist ein Verkehrsereignis zu verzeichnen, das hier in Skandinavien mit Interesse registriert wird. Die Sowjetunion öffnete dort erstmalig ihre Grenze. Der Zweite Weltkrieg hat Norwegen und die UdSSR zu unmittelbaren Nachbarn gemacht. Damals verlor Finnland seinen einzigen Nordmeerhafen Petsamo und die südlich davon gelegenen reichen Nickelgruben.

Alle Verbindungen von Kirkenes, der nordöstlichsten norwegischen Hafenstadt nach Osten, sind seither unterbrochen, obwohl die Russen Kirkenes 1945 von der deutschen Wehrmacht "befreit" haben. Nur eine Meile südlich von Kirkenes bei Storskog gab es über ein Stück Niemandsland hinweg eine gewisse Verbindung durch Austausch englischgeschriebener Briefe zwischen den Wachtposten zwecks Regelung kleinerer Grenzfragen.

Das änderte sich plötzlich am 20. Juni 1965, als die Russen über die örtliche Grenze und auch beim Osloer Auswärtigen Amt mitteilen ließen, sie würden bei Kirkenes die Grenze für einen Besuch im russischen Grenzort Boris Gleb öffnen, allerdings nur für Skandinavier. Erforderlich seien nur Paß oder Personalausweis, kein Visum. Aufenthaltszeit 24 Stunden, nach Formularantrag auch 48 Stunden.

Zuvor hatten die Russen bis zur Grenze eine voll beleuchtete Straße fertiggestellt. Die Norweger waren überrascht, es hatte bisher in Kirkenes keine norwegische Zolldienststelle gegeben, auch konnten sie sich keinen Vers auf die Motive des Entgegenkommens machen.

Boris Gleb bietet außer einer alten griechischkatholischen Kapelle wenig Sehenswürdigkeiten. Die Russen teilten jedoch auch mit, daß in Boris Gleb sehr preiswert guter Wodka für die Touristen zu bekommen sein werde.

Das erschien vielen als des Rätsels Lösung. Wer die prohibitiven norwegischen Alkoholpreise und die in langen sonnenlosen Wintertagen geschärften Durstgefühle der Norweger kennt, wird unschwer den Russen gute Devisengeschäfte voraussagen können.

Kirkenes Touristenbüro-Chef Olav Lande rechnet optimistisch mit einer Touristenattraktion auch für seine Stadt. Er rechnet, mit Besuchern aus Rußland, aber auch mit der Möglichkeit, daß vielleicht eines Tages nicht nur Skandinavier, sondern andere westliche Touristen von hier aus kleine Ausflüge über die Grenze machen können. Zunächst wird er sich aber mit dem Intourist-Chef aus Moskau in Boris Gleb treffen, um die Güte des Wodkas selbst auszuprobieren.

Baare-Schmidt