Sven und die Erlebnisse eines "Grenzgängers"

Von Dieter Kuhr

Neumünster

Seine Freunde nennen ihn Sven, obwohl sein Taufname Hans-Christian ist. Aber Sven paßt besser zu ihm: Er ist in Schweden geboren, spricht schwedisch und möchte in Schweden leben und arbeiten. Sven ist jetzt 21 Jahre alt, schlaksig, Brillenträger, Chemielaborant. Er wohnte in Hamburg, jetzt lebt er in Neumünster, eingesperrt in einer Jugendstrafanstalt. Er möchte gern nach Schweden.

Dies ist seine Geschichte: Am 1. Juli 1964 wurde Sven zur Bundeswehr einberufen, kurz vor seinem 20. Geburtstag. Er ging wie viele – unwillig. Aber er hatte nicht nur ungute Gefühle, sondern auch Gründe dafür, Gründe, die Vergangenheit und Gegenwart deutscher Geschichte und Politik reflektieren.

Sein Großvater hatte es gewagt, gegen die Reichskristallnacht und die Judenverfolgung öffentlich zu protestieren; der zu 90 Prozent Kriegsbeschädigte wurde verhaftet und 1938 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Als Arbeitsunfähiger und Widerstandskämpfer war er für die anlaufende Kriegsmaschinerie der Nationalsozialisten eine doppelte Belastung: 1941 ging ein Invalidentransport nach dem KZ Dachau mit dem Zweck, die "Muselmanen" (Lager-Jargon für die abgemagerten, todgeweihten Häftlinge) zu liquidieren. Unter ihnen war Svens Großvater. Offizielle Lüge auf dem Totenschein: Herztod. Svens Vater erhielt die Todesnachricht erst 1945; schon 1933 war er nach Schweden emigriert. Dort wollte er weiter kämpfen gegen das, was von Deutschland ausging. Als Syndikalist nahm er auf der republikanischen Seite am spanischen Bürgerkrieg teil und geriet 1938 in Barcelona auch in die bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Stalinisten. Das wurde ihm damals und wird ihm heute nicht verziehen. (Für seinen Sohn sollte das nicht ohne Bedeutung bleiben.) Es gelang ihm aber, sich dem faschistischen und dem stalinistischen Zugriff zu entziehen; er floh nach Belgien, wurde dort interniert, beim Einmarsch der deutschen Truppen nach Südfrankreich abgeschoben, verhaftet, von der Gestapo 1940 aussortiert und in ein deutsches Gefängnis verschleppt. Aus einem Gefangenentransport heraus gelang ihm 1942 die Flucht nach Schweden. Er heiratete eine Schwedin. 1953 kehrte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik zurück.

Als die Feldjäger kamen