Von Heinz Josef Herbort

Hinter der elliptischen Scheibe eine riesige graue Wand: Quader, ungefüge übereinandergeschichtet, dazwischen schrägaufstrebende dunkle Balken und tiefschwarze Fensterhöhlen – ein finsteres Verließ, ein Zuchthaus; Spektralfarben legen sich nach und nach über diese drohende Fassade, das Rot überwiegt, die Glut verdrängt die anderen Farben. In diese von Feuerschein statt von strahlendem Glanz erhellte "Burg" ziehen die Götter ein, nicht eben triumphal: Sie steigen hinab in den Keller, sang- und klanglos, sie verkriechen sich in die Kasematten, erwarten dort das Ende. Der intelligente Feuergott Loge steht derweil auf der Bühnenscheibe, hämisch grinsend, "Fast schäm’ ich mich, mit ihnen zu schaffen"; er wird die Burg nicht betreten, mit den dem Untergang Geweihten will er nichts zu tun haben.

Das ist der Abschluß – nicht der "Götterdämmerung", sondern des "Rheingold", des Vorspiels: Die Firma Walhall hat bereits am Eröffnungstage wegen eines ruchbar gewordenen Betruges Konkurs angemeldet und wartet auf den Prozeß.

Jung-Siegfried steht in der Schmiede, schwingt sein soeben gearbeitetes Schwert wild durch die Luft. Er hat versucht, den Amboß zu spalten, wie die Partitur es befahl, allein: Der Klotz blieb heil. Eine technische Panne, aber sie verriet mehr: Neben den Göttern haben auch den Helden anno 1965 die Kräfte verlassen.

Wer bleibt stark? Niemand.

Wieland Wagner hat in seiner neuen Bayreuther Inszenierung den "Ring des Nibelungen" verstanden als die große Auseinandersetzung zwischen materialistischen und idealistischen Tendenzen in diesem Weltgefüge: Die Welt wird verändert durch den Drang nach dem Gold, durch den Ellbogenkampf um die Macht, durch die intrigante Schurkerei, der jedes Mittel recht, ist. Wer mit dem Gold sich einläßt, ist verraten und verkauft. Das Geld blendet den, der es nicht besitzt, er muß es sich verschaffen – durch berechnenden Tausch, durch listigen Betrug, durch kalten Mord; wer es hat, richtet sich selbst damit zugrunde. Mit den Göttern ist nicht mehr viel Staat zu machen.

Als Schauplatz dieses großen Dialogs wählte Wieland Wagner die waagerechte Scheibe des klassischen Theaters und umgab sie mit plastischen Versatzstücken von bedrückender Monumentalität.