Richard Wagner: "Götterdämmerung" (Gesamtauf nähme); Nilsson, Windgassen, Neidlinger, Frick, Watson, Fischer-Dieskau, Ludwig, Popp, Jones, Guy, Watts, Hoffman, Välkki, Chor der Wiener Staatsoper, Wiener Philharmoniker, Leitung: Georg Sold; Decca SET 292/297, 150,– DM.

RECHTZEITIG zur Bayreuther Neuinszenierung des "Ring" erschien diese Gesamtaufnahme, und sie komplettiert den "Ring" bei der Teldec. Wer sich den zeitlichen Luxus leisten mag, zwölf Plattenseiten mit nicht großen Unterbrechungen zu hören, muß davon fasziniert sein, wie hier durch die lange Kette der Aufnahme-Sitzungen der große einheitliche Duktus bewahrt werden konnte. Das Team Solti–Culshaw hat zusammen mit einem geradezu optimalen Ensemble erneut einen Höhepunkt in der Geschichte der Schallplatte geschaffen. Versucht wurde hier, die in Bayreuth mit Erfolg vergessen gemachten Regieanweisungen Richard Wagners klanglich zum Teil wiederzugewinnen: das "Rechts" und "Links" auf der Bühne etwa, das "Fern" und "Nah"; man hat wieder Stierhörner statt Posaunen benutzt, hat die Stimme des in Gunthers Gestalt auftretenden Siegfried elektronisch verzerrt und der Gunthers angenähert – man spielt perfekt mit den neuen Mitteln der Technik. Solti entwickelte dazu einen unheimlichen, aggressiven, nicht bombastischen, aber außerordentlich dynamischen Orchesterklang, spritzig, feurig, hell und strahlend in den Steichern, messerscharf in den Bläsern. Solti musiziert die "Götterdämmerung" ganz auf klanglichen Effekt, aber dies so hinreißend wie kaum ein anderer. Allerdings schafft er gleichzeitig eine Diskrepanz. Wiedererweckung des von Richard Wagner geforderten Szenariums und Modernisierung des Orchesterklanges stehen einander entgegen, der seidigere und weichere Ton des verdeckten Bayreuther Orchesters ist da originaler. Bot Böhm in Bayreuth Ruhe, Lyrik, einen apollinischen Wagner, zeigt Solti den dionysischen. Merkwürdig: dies gelingt, obwohl die Sänger in der Mehrzahl für beide Dirigenten die gleichen sind. Sollte von nun an der Besitzer der Kassette die "Götterdämmerung" an einer Provinzbühne nicht mehr "ertragen", wäre er zu bedauern; verwünschen müßte man dann die Techniker, die uns immer hoch mehr Perfektion "bescheren". Denn nach diesem ist ein neuer Höhepunkt schon auf dem Reißbrett geplant. H. J. H.