Der Jesuitenpater Conzenius führte im sechzehnten Jahrhundert bittere Klage darüber, daß Luthers Lied die katholische Kirche mehr Abtrünnige gekostet habe als Luthers Predigt. Heute brauchte sich der Pater nicht mehr zu beklagen; heute bemühen sich katholische wie evangelische Pfarrer um neuartige religiöse Lieder – um Schlager und Chansons, die allerdings mit Luther und dem protestantischen Choral nichts mehr gemein haben.

Auf protestantischer Seite geht die Initiative von der Evangelischen Akademie Tutzing aus. Unter dem Vorsitz des Münchener Studentenpfarrers Günter Hegele wurden dort bisher in drei Preisausschreiben mehrere religiöse Lieder und Schlager prämiiert. Die Veranstalter wollen diese Lieder nur als Versuche gewertet wissen; Versuche, die sie dann freilich mit den Mitteln der modernen Massenmedien ausgiebig publizieren. Es hat sich darüber eine heiße Diskussion entsponnen, die sich auch in einer kürzlich erschienenen Veröffentlichung niederschlug –

"Warum neue religiöse Lieder?" – Eine Dokumentation von Günter Hegele; Gustav Bosse Verlag, Regensburg; 86 S., 7,60 DM.

Das Kirchenlied – auch "Choral" genannt – hat seine Wurzeln im Gottesdienst; es ist Bekenntnis, Verkündigung und Lob des Schöpfers. Und so hat Günter Hegele unrecht, wenn er schreibt, daß die von ihm geförderten Lieder verworfen würden, weil man sie mit ästhetischem Maß messe. Das ist einfach nicht wahr. Es sind die theologischen Gesetze, die nicht gestatten, daß die "neuen Lieder" Raum in der Kirche bekommen, auch wenn beim Anhören solcher religiösen Schlager das ästhetische Ärgernis das theologische häufig noch überwiegt.

Veranstalter und Verfasser legen an ihre Produktionen keine ästhetischen und künstlerischen Maßstäbe, so daß sich eine Diskussion darüber erübrigt. Es bleibt nur die Frage nach dem theologischen Wert dieser Bemühungen. Hier aber zeigt Hegeles Dokumentation, daß manchem Pfarrer Lehre und Glaube fremd geworden sind. Wie anders wäre zu erklären, daß einer schreibt: "Wenn es möglich ist, so brauchen wir Gott noch nötiger als die Zeiten, die mit ihm um seine Gnade stritten, während wir um unser Leben mit ihm zu streiten haben" (Johann Christoph Hampe, Pfarrer und Schriftsteller). Ja, ist denn christliches Leben möglich ohne Gnade?

Auch Hegele scheint den Sinn des Gottesdienstes nicht zu kennen. Er sieht ihn als eine Veranstaltung, in der das Publikum mitwirkt. Wenn das wirklich der Sinn des Gottesdienstes sein sollte, dann wären diese modischen Lieder tatsächlich "genau richtig".

Hegele selber vermeidet allerdings so eindeutige theologische Stellungnahmen, wie seine Kollegen sie beziehen. Ihm kommt es mehr auf formale, stilistische und ästhetische Analysen der "neuen" Lieder an, und nur gelegentlich greift er zu theologischen Argumenten. Theologisch stützt er sich auf Dietrich Bonhoeffers Begriff "von der nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe", wenn er sagt, daß der Christ das aufgreift, was in seiner Umwelt vorhanden ist, um es für den Ausdruck des Glaubens zu verwenden. Hegele geht da sehr weit; er meint: "Man könnte das mit der Taufe vergleichen Mit anderen Worten: Hegele tauft den heutigen Schlager, beziehungsweise seine Stilmittel.