"Was sich hier zu Worte meldet, ist die alte, tiefsitzende deutsche Vorstellung vom Obrigkeitsstaat. Der Soldat soll gehorchen, der Arbeiter arbeiten, der Pastor predigen, der Student studieren – die Politik sollen sie alle der Obrigkeit überlassen, die sich besser darauf versteht...

Wenn der dumpfe Geist der Intoleranz und der Reaktion, der sich dort (in der Freien Universität) jetzt am Werke zeigt, nicht gebannt wird, dann ist das Unheil, das er anrichten kann, gar nicht abzusehen."

Sebastian Haffner im "stern" vom 8. August 1965

Bei allen Auseinandersetzungen um die gegenwärtige Krise der Berliner Freien Universität, die unter dem Namen "Fall Krippendorff" Publizität gewann, obwohl immer deutlicher sichtbar viel mehr in ihr steckte als ein persönlicher Fall, nämlich die Frage, bis zu welcher Grenze den Angehörigen einer Hochschule politische Aktivität erlaubt ist und ob Professoren, Assistenten und Studenten gegen Maßnahmen der obersten Universitätsbehörden aufmucken dürfen, wenn sie ihnen falsch und gefährlich erscheinen – bei diesen Auseinandersetzungen gingen alle, auch diejenigen, die sich für Krippendorff und gegen den Rektor stark machten, davon aus, daß Krippendorff tatsächlich schwer gefehlt habe. Daß er leichtfertigerweise eine boshafte Unterstellung verbreitet habe, welche jeglicher Grundlage entbehrte.

Soweit bei dem Streit der eigentliche Fall Krippendorff berührt war, handelte es sich bisher also lediglich um Meinungsverschiedenheiten über die Billigkeit des Vorgehens von Rektor Herbert Lüers. Es handelte sich um die Frage, ob die (später in einen persönlich tragbaren Kompromiß abgebogene) Entlassung eines Assistenten nicht nur die formal richtige, sondern auch die dem Vergehen angemessene Strafe für die Publikation einer Fehlinformation ist. Die einen hielten sie für die mildeste aller möglichen Ahndungen, die anderen für maßlos übertrieben.

Das war der Ausgangspunkt. Inzwischen nun wurde ein Dokument bekannt, das Krippendorffs "schwere Verfehlung" selbst in ein anderes Licht rückt.

Wie stellte sich die Kette der Ereignisse bisher dar? Am 7. Mai sollte Erich Kuby in der Freien Universität einen Vortrag halten; eingeladen hatte ihn der Allgemeine Studentenausschuß. Die Veranstaltung mußte in der Technischen Universität stattfinden, weil der Rektor die Räume der FU verweigert hatte: Kuby hatte die FU vor Jahren mit ein paar kritischen Bemerkungen angeblich diffamiert, indem er die Freiheit der Freien Universität eine bedingte nannte.