Er ist abwesend, aber sein Name ist auf allen Lippen. Er ist abwesend, aber sein Stil geistert durch die Kollektionen. Darüber sind sich die dafür und die dagegen sind, einig. Courrèges selbst hat nun endlich das Schweigen gebrochen, in das er sich, verärgert über das weltweite Kopieren seiner Ideen, hüllte: Er wird, so heißt es in wohlinformierten Kreisen, in Paris eine Kette von Boutiqueläden eröffnen, die seine Modelle und Accessoires zu Preisen, wie sie in entsprechenden amerikanischen Stores üblich sind, unter seinem eigenen Namen vertreiben; er wird, so verkündet weiter die Stimme seiner Propheten, ein wohlequipiertes Atelier – das Modewort dafür ist "Laboratorium" – für Fertigkleidungsentwürfe leiten und daneben einen kleinen Salon mit beschränkter Angestelltenzahl für Maßschneiderei, mit einer einzigen (statt der traditionellen drei) Anprobe – das sei, meint er, ein Imperativ unserer Zeit, denn selbst die zahlungskräftigen Haute-Couture-Kundinnen – und davon gäbe es nicht mehr als dreitausend in der ganzen Welt, eine quantité négligeable, die ihn wenig interessiert – seien jetzt von der Manie des "Keine-Zeit-habens" befallen. André Courrèges soll bereits in Verhandlungen für Mietverträge stehen und über die finanziellen Grundlagen seiner neuen Organisation mit Regierungsstellen sozusagen von gleich zu gleich debattieren, als hinge das Wohlsein des ganzen Landes von seinem Erfolg ab.

Von dieser Courreges-Psychose abgesehen, stellt man mit Freude fest, daß die Pariser Mode mit und ohne dieses Idol einer neuen Couture-Welle weitergeht: "The show must go on!" wie es in den Revuefilmen aus Hollywood heißt, wenn sich ein tollkühner Akrobat auf der Leinwand das Genick gebrochen hat. Und was jetzt in den Kollektionen der anderen als Courrèges-Stil bezeichnet wird, könnte man ebensogut dahin deuten, daß es eben in der Luft lag und von jedem, der – wie man in Paris sagt – "im Wind" (dans le vent) ist, aufgefangen werden mußte: die geometrische Schnittführung, die betonten Nähte, das viele Weiß, die ultrakurzen Röcke, die Stiefeletten mit flachem Absatz, die Helmhüte und noch manches gehören dazu und sind zum Teil durch die Kosmonautenuniform inspiriert worden, deren Einfluß auf die Mode unvermeidlich war und die von keinem Couturier erfunden wurde. Gelassen meinte Jacques Estérel, die Tracht der ersten Weltraumfahrer würde vielleicht im Jahre 2000 ebenso ulkig wirken, wie heute für uns die der Pioniere der Luftschiffahrt oder des Autosports aus der Zeit um die Jahrhundertwende.

Winterweiß und starke Farben

Das Dilemma Geometrie-Anatomie ist ein ewiges Thema. Die ägyptische Kleidung aus der Pharaonenzeit war geometrisch und negierte mehr oder weniger die Körperformen, die griechische, die nur aus Drapierungen bestand und keine Nähte kannte, kümmerte sich weniger um den Goldenen Schnitt als um das Respektieren natürlicher Kurven. In den letztendrei Jahrzehnten hat gelegentlich die eine oder andere Tendenz überhand genommen, doch im allgemeinen hielten sie sich die Waage, und das ist gerade die Stärke der Pariser Haute-Couture, daß sie nie das Gleichgewicht bei diesem Seiltanzen verliert. Diesmal hat sie es wieder meisterhaft einzuhalten gewußt.

Über die Rocklänge sind sich nicht alle einig, und wenn alle Instrumente im Orchester dieselbe Melodie spielen sollten, gäbe es keine Symphonien. Die kürzesten Röcke, etwa eine Handbreit über dem Knie, sah man bei Jacques Estérel, bei Real, dem Couturier der Filmsternchen, und bei Emanuel Ungarn, einem von Courrèges abgefallenen Mitarbeiter, der mit ihm zusammen eine sechsjährige Lehrzeit bei Balenciaga absolviert hat, was ihn für immer markiert. Wenn, man sagt, Jacques Heim gehöre zu den Anhängern des freien Knies, muß man hinzusetzen, daß seine kniefreien Modelle nicht aus Rock und Jacke, sondern aus Strumpfhose und Tunika in gleichem, blumengemusterten Wolljersey bestehen und wahrscheinlich mit ihren Pelzpaletots als Apres-Ski-Ensembles gedacht sind. Daneben lanciert er die Tulpenlinie mit einwärts gezogenem Rocksaum und Röcke mit mäßiger Glockenweite.

Einige Couturiers haben freundlicherweise daran gedacht, das arme, frierende Knie vor Kälte zu schützen: bei Estérel gibt es Gamaschenhosen, die vorn auf dem Schuh aufliegen, bei Louis Féraud mit kleinen Knöpfchen seitlich verschlossene Stoff- und Ledergamaschen, die sensationellsten aus weißem und rotem Lackleder, zu Fischerhüten aus gleichem Material. Auch bei Cardin sieht man Gamaschen, sogar aus schwarzer, flitterbestickter Tüllspitze zu einem ebensolchen langen Abendcape, was nicht besonders wärmespendend sein dürfte. Wärmependend fürs Auge sind Cardins wundervolle Farben und Farbenharmonien – ein wahres Feuerwerk, namentlich am Abend. Eine Serie in Regenbogenfarben quergestreifter, über und über perlenbestickter schlanker Roben mit langen Handschuhärmeln schloß seine Schau ab. Cardin und Laroche haben, wie es so oft geschieht, zufällig die gleiche Idee interpretiert: kurze Abendkleider mit runden oder viereckigen Luken, durch die man den Körper, wie einen Vogel im Käfig, sieht.

Vogelgezwitscher im Modenwald