London, im Juli

Bei der ersten Pressekonferenz, die er nach seiner Wahl zum Führer von "Ihrer Majestät loyaler Opposition" gab, wurde der 49jährige Junggeselle von einer ältlichen Journalistin gefragt, wer die Rolle der Hausfrau und Gastgeberin in Downing Street Nummer Zehn spielen würde, falls er Premierminister werden sollte. Edward Heath fragte zurück: "Machen Sie mir einen Antrag?" Und eine sehr wohlgelaunte Pressekonferenz klang in allgemeinem Gelächter aus.

Aber vermutlich lachten auch in diesem Moment die Augen von Heath nicht mit. Seine Feinde sagen – und seine Freunde leugnen nicht, daß seine massive Bonhommie, seine offene, etwas draufgängerische Art einen Geist verbirgt, der unablässig Menschen beobachtet, ihre Reaktionen registriert und rubriziert. Er lacht oft – nur seine Augen lachen selten.

Seinen überraschenden Triumph über Reginald Maudling verdankt er nicht zuletzt der Tatsache, daß die Agitatoren der Heath-Partei innerhalb der konservativen Fraktion Stimmen besser zählten als die Agitatoren der Maudling-Partei. Die Organisatoren der Maudling-Werbung waren überzeugt, daß der Sieg ihrem Mann nicht entgehen könne. Nicht nur war und ist ihr "Reggie" bei der Bevölkerung weit beliebter als "Ted"; auch innerhalb der Fraktion hat Maudling keine Feinde, während Heath nicht nur die geschworenen Anti-Europäer gegen sich hat und nicht nur die Abgeordneten, die ihm nicht verziehen haben, daß er als Wirtschaftsminister die Preisbindungen beseitigte, welche die Industrie dem Einzelhandel diktierte – sondern vor allem auch so manche Opfer seiner gelegentlich sehr brüsken Art. (Nach der Wahl des neuen Parteiführers sagte ein Mitglied des konservativen Schattenkabinetts: "Mit Ted am Steuer müssen wir uns alle festschnallen – und einige von uns werden Fallschirme brauchen.")

Das Endergebnis aber war, daß die Maudling-Agitatoren sich um mehr als dreißig Stimmen verrechneten, während der Abgeordnete Peter Walker, der die Werbung für Heath leitete, nicht nur besser beurteilte, welche Zusagen ernst genommen werden konnten, sondern auch mit größerem Spürsinn und klügerer Taktik Wankelmütige bearbeitete. Die Werbung war so intensiv, daß ein Abgeordneter um zwei Uhr Nachts mit der Frage angerufen wurde, ob er "verläßlich für Heath" sei. Heath selbst mußte so tun, als wüßte er nichts von alledem. Aber es ist wohl kein Zufall, daß er sich jahrelang als Virtuose in der Lenkung der konservativen Fraktion erwiesen hat. In der Geschichte des britischen Parlamentarismus gab es kaum je einen besseren "Chief Whip", einen besseren Fraktionseinpeitscher.

Als 35jähriger, noch unter Winston Churchill war er "Junior Whip"; und wenige Jahre später wurde er, als "Chief Whip" unter Anthony Eden, die Schlüsselfigur der Konservativen Partei. Er war für die Disziplin der Fraktion verantwortlich – und hatte Ministerrang. Als der kranke Eden während der Suezkrise scheiterte und zurücktrat, als die Partei sich über das Für und Wider des militärischen Abenteuers nicht einig werden konnte, da gab es Tage, in denen die Fraktion auseinanderzubrechen schien. Es war unzweifelhaft Heath der sie zusammenhielt. So kam es, daß Macmillan den Abend nach seiner Ernennung allein mit seinem "Chief Whip" verbrachte und mit ihm bei Champagner die Zusammensetzung der Regierung besprach.

Fraktionseinpeitscher sind selten beliebt. Kaum einem ist der Übergang zu einem politischen Amt gelungen, geschweige denn zur Führung seiner Partei. Aber wenn Heath auch später gelegentlich eine brüske Art nachgesagt wurde – in jenen Jahren wahrte er Fraktionsdisziplin ohne Unteroffiziersmanieren. Der sozialistische Fraktionseinpeitscher Bowden – der jetzt als Lord Bowden der Regierung angehört – zollte seinem konservativen Widersacher das höchste Lob: "Zu Ted Heath sagen seine Fraktionskollegen: ‚Wir tun es, weil du es bist, Ted – wir würden es für keinen andern tun."