Im „Sonnfagsgespräch“ des DDR-Fernsehens nahmen Walter Ulbricht und Albert Norden Stellung zur Deutschlandfrage und zu den bevorstehenden Bundestagswahlen. Gesprächsleiter war Gerhart Eisler.

Walter Ulbricht: Es sollte eine solche westdeutsche Regierung aus den Wahlen herauskommen, die Schritt um Schritt die Zusammenarbeit der deutschen Staaten auf den verschiedenen Gebieten fördert, die auch den Handel zwischen den deutschen Staaten und ihre ökonomische Zusammenarbeit, die ich für entwicklungsfähig halte, von den Fesseln des kalten Krieges befreit.

Es ist sehr wohl möglich, die Wirtschaftsbeziehungen weiter auszubauen und normale Voraussetzungen für die Durchführung langfristiger Geschäfte zu schaffen. Wir sind für langfristige Geschäfte, und die Kapitalisten in Westdeutschland sind auch für langfristige Geschäfte. Also man könnte sich schon über diese Frage verständigen, wenn eine gewisse Minderung der Spannungen einträte ...

Gerhart Eisler: Nun hat einer der rechten SPD-Führer unlängst behauptet, die SED sei gegen einen Wahlsieg der SPD. Er meinte, die SPD wolle nach den Wahlen, dem schwedischen Beispiel folgend, auf einen westdeutschen Sozialstaat zusteuern und damit der SED Konkurrenz machen. Was meinen Sie dazu?

Walter Ulbricht: Natürlich wäre es gut, wenn aus dem monopolkapitalistischen Westdeutschland mit seiner Revanchepolitik ein friedlicher und demokratischer Staat würde, vielleicht sogar nach dem schwedischen Muster. Das wäre gar nicht schlecht.

Aber die SPD hat schon nach 1918 und dann wieder nach 1945 viele Möglichkeiten gehabt, einen – wie sie sagt – deutschen Sozialstaat zu schaffen. Sie hat es jedoch nicht fertig gebracht. Deshalb ist verständlicherweise eine gewisse Skepsis angebracht...

Nachdem die CDU/CSU fast 16 Jahre hindurch gezeigt hat, daß sie mit ihrer Politik die Wiedervereinigung Deutschlands blockiert, daß sie sozusagen spezialisiert ist auf die Vertiefung und Versteinerung der Spaltung Deutschlands, wäre es verständlich und wohl auch an der Zeit, wenn vielleicht auch einer von der SPD geleiteten Regierung die Gelegenheit gegeben würde, zu beweisen, ob sie es besser kann und besser macht. Aber wie gesagt, die Entscheidung, auch die Verantwortung, liegt bei den westdeutschen Wählern ...

Albert Norden: Und selbst Westdeutschland unterhält ja heute bereits normale Beziehungen mit sozialistischen Ländern und in größerem Umfange normale wirtschaftliche Beziehungen mit sozialistischen Ländern. Und ich frage mich, ich frage unsere Zuschauer: Sollte das in den Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten nicht auch möglich sein? Und was die unterschiedliche Gesellschaftsordnung betrifft, so meine ich, ist es so: Jeder der beiden deutschen Staaten hat seine Eigenarten. Jeder der beiden deutschen Staaten hätte also bei einer Normalisierung der Beziehung auch manches einzubringen in die Zusammenarbeit. Westdeutschland hat auf dem Gebiet der Industrie und Technik oder auch in wissenschaftlicher Beziehung manches aufzuweisen. Und wir wiederum haben die fortschrittlichste Gesellschaftsordnung in Deutschland ...