Unter dem Ministerpräsidenten Pierre Harmel hat die neue belgische Regierung alter Koalition das Vertrauen der großen Mehrheit des Parlaments gefunden: 131 von 212 Abgeordneten sprachen sich für das aus Christlich-Sozialen und Sozialisten zusammengesetzte Kabinett aus; 65 lehnten es ab; 16 Parlamentarier hatten das Plenum vor der Abstimmung verlassen.

Mit dieser Abstimmung wurde die längste Krise beendet, die je in der krisenreichen Innenpolitik dieses Landes verzeichnet wurde: sie hatte mehr als zwei Monate gedauert.

Wenn es auch die beiden größten Parteien sind, die sich abermals zur Koalition zusammentaten, so sind doch die Schwierigkeiten der Regierung nicht geringer geworden, eher größer. Eine Stimme fehlt neuerdings den Regierungsparteien an der Zweidrittelmehrheit im Parlament, die zur Verfassungsänderung notwendig wäre. Diese aber ist dringlich, damit der "Sprachenstreit" endlich beendet werde, der zwischen den Flamen und den Wallonen schwelt.

Nie zuvor hatte Belgien ein so zahlenstarkes Kabinett: 27 Minister und Staatssekretäre, und hier hat denn auch schon die Kritik der Liberalen, die mit ihren 48 Abgeordneten (früher 28) in der Opposition sind, heftig eingesetzt. Aber der christlich-demokratische Ministerpräsident Harmel mußte darauf bedacht sein, nicht nur den Ansprüchen der Sozialisten entgegenzukommen, sondern auch den Forderungen der Flamen und Wallonen gerecht zu werden. Denn vier Kräfte wirken sich innerhalb der Koalition aus, die Berücksichtigung erheischen. Da sind die bürgerliche und die sozialistische Partei, und innerhalb jeder Partei eben noch die flämischen und die wallonischen Gegensätze.

An Namen kann man sich nicht immer orientieren: Der vorige Ministerpräsident Lefèvre ist Flame; Harmel ist Wallone. Die Regel verlangt, daß sein Stellvertreter ein Flame sei; aber der Sozialist Spaak, der dieses Amt innehatte, ist Wallone. Er bleibt jedoch Außenminister – und diese Tatsache ist auch außerhalb Belgiens bedeutsam.