Er hat ein ebenso ungewöhnliches wie nützliches Hobby: Morris Asimow, Professor für Maschinenbau an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, reizt es, Produktionsanlagen aus dem Nichts zu schaffen, möglichst in abgelegenen und unzugänglichen Gebieten.

Die Millionenbeträge für Entwicklungshilfe, so meint er, müssen ohne Wirkung bleiben, wenn es nicht gelingt, die eigene Initiative und das Interesse der Menschen in den Entwicklungsländern zu wecken. Ein Gedanke, der auch einer Tagung der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft von 1947 zugrunde lag, die dieser Tage in Berlin zusammentrat und vor der Asimow referierte.

Vor vier Jahren entschloß sich Professor Asimow, seinem Steckenpferd in einem der ärmsten und politisch unruhigsten Gebiete Lateinamerikas nachzugehen, im Staat Ceará im nordöstlichen Brasilien. Sein Plan war, dort eine Gruppe kleinerer gewerblicher Betriebe zu gründen, zu denen die Einheimischen nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch – und das war das Ungewöhnliche an Asimows Plänen – das notwendige Kapital beisteuern sollten. Dafür sollten ihnen bei der Lösung der technischen und wirtschaftlichen Probleme eine Gruppe von Professoren und Studenten amerikanischer und brasilianischer Universitäten mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Lateinamerika-Experten und erfahrene Bankiers versuchten alles, um dem weltfremden Professor klarzumachen, daß solch ein Plan keinerlei Aussicht auf Erfolg haben könne. Schon die technischen Schwierigkeiten waren groß genug. Dazu aber hatte Asimow sich nicht mehr und nicht weniger vorgenommen, als in einem Gebiet, wo die Wahl nur zwischen Feudalismus und Kommunismus zu liegen schien, in aller Stille eine soziale Revolution auszulösen und eine Art Volkskapitalismus ins Leben zu rufen. Sein Plan sah folgendermaßen aus:

  • Landlose Tagelöhner und kleine Bauern sollten zu Teilhabern moderner Industriebetriebe gemacht werden, wobei die Hälfte des notwendigen Kapitals für jede der geplanten Fabriken von den Bewohnern der Umgebung aufgebracht werden sollte, und zwar von Leuten, die nach der Ansicht von Experten gerade am Existenzminimum dahinlebten.
  • Die Löhne der in diesen Betrieben arbeitenden Brasilianer sollten genauso hoch sein wie die eines Arbeiters in Sao Paulo, der reichsten Stadt Brasiliens. Dies bedeutete eine Vervierfachung des in dieser Region üblichen Tagelohns von 50 Cents auf 2 Dollar.
  • Die Leitung der Fabriken sollte einem den Aktionären verantwortlichen einheimischen Management übertragen werden – im Gegensatz zu der in Brasilien sonst üblichen Familienwirtschaft.
  • Den Bauern aus der Umgebung sollte dadurch geholfen werden, daß sie Anteile an den Fabriken erwerben konnten, die ihre Produkte weiterverarbeiteten.
  • Schließlich sollten die Führungskräfte der neuen Betriebe zu einem intensiven dreimonatigen Trainingskursus in die USA geschickt werden.

Im Frühjahr 1962 ging Professor Asimow mit neun Studenten in das nordöstliche Brasilien, um seine Theorien in die Praxis umzusetzen. Gemeinsam mit Professoren und Studenten der Universität von Ceará prüften sie in drei Gemeinden die wirtschaftlichen, sozialen und technischen Voraussetzungen für eine Verwirklichung der Pläne Asimows.

In die USA zurückgekehrt setzten sich die Amerikaner zusammen mit sieben brasilianischen Gaststudenten an ihre Zeichenbretter, um die detaillierten Entwürfe für die ausgewählten Projekte auszuarbeiten. 1963 und ebenso 1964 ging die Gruppe wieder nach Brasilien, um die Bauarbeiten und die anlaufende Produktion in den schon fertiggestellten Betrieben zu überwachen.