Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer diesen Evangelischen Kirchentag in Köln mitgemacht hat, der wird ihn sobald nicht vergessen. Was für ein Erlebnis mitten in einem Wahljahr, in dem nirgendwo etwas getan wird, was nicht routinierte Wahlstrategen ausklügelten, niemand etwas sagt, was nicht Parteipsychologen und Demoskopen nach bewährtem Rezept gemischt haben – was für ein Erlebnis, in einer solchen Zeit unter Menschen zu sein, die nichts weiter wollen, als nachzudenken und offen miteinander zu diskutieren.

Nachzudenken worüber? Beispielsweise darüber, daß, wie Klaus von Bismarck es am ersten Abend formulierte, "Glaubens Wahrheit und Welterkenntnis zwei Dinge sind, die wir nicht mehr miteinander in Einklang bringen können". Nachzudenken über unsere Lebenssituation, über unsere Welt, die so kompliziert geworden ist, daß wir sie nicht mehr verstehen. Nachzudenken über die Ursprünge, aus denen die evangelischen Christen kommen, also das Verhältnis zur katholischen Kirche neu zu überprüfen, konfessionelle Festungsmauern abzubauen, was gerade in diesen Tagen so sichtbar geschah. Und schließlich immer wieder Antwort zu suchen auf die Frage, die zugleich auch die Forderung des Kirchentages war: In der Freiheit bestehen.

Freier Mensch – was nun? So fragte Visser’t Hooft, der Generalsekretär des Weltkirchenrates. Solange wir nicht frei sind, sagte er, erscheint uns die Freiheit als die herrlichste Sache der Welt – aber dann kommt die Enttäuschung. Heute werde nicht mehr viel gejauchzt über die Freiheit, vielmehr seufze man unter der Erkenntnis von Jean-Paul Sartres: Zur Freiheit verdammt. "In der Freiheit bestehen", so definierte er, "bedeutet, in der Freiheit in einer bestimmten Richtung – nämlich auf die Gemeinschaft hin – vorwärtsgehen. Wer nur die Freiheit genießen will, sich aber nicht bewegen will, ist wie der Mann, der auf einem Fahrrad sitzt und die Räder nicht in Bewegung bringt. Er fällt um."

Professor Carl-Friedrich von Weizsäcker kommentierte ein andermal: "In der Freiheit bestehen heißt, von der Freiheit Gebrauch machen. Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst, durch Nichtgebrauch dahinschwindet."

Dieser Kirchentag war der zwölfte, seit Reinold von Thadden 1950 seine Idee in die Tat umgesetzt hat, den allgemeinen Aufbruch der protestantischen Kirche in die Kanäle einer großen Laienbewegung einmünden zu lassen. Seit jenen Tagen war die Grundstimmung dieser Zusammenkünfte gekennzeichnet durch bestimmte Emotionen, die den Kirchentag trugen und die dort auch immer wieder aufgeladen wurden, und durch einen gewissen Pietismus.

Mit dem Wechsel in der Führung des Kirchentages, der sich vor Jahresfrist vollzog, stand die bisherige Konzeption zur Diskussion. Die Zeit der Emotionen war vorbei. Das Bedürfnis nach kühler Sachlichkeit, nach ratio und Einsicht beim Durchdenken der modernen Welt und des traditionellen Christentums war immer stärker geworden. Freilich, je mehr diese neue Richtung an Boden gewann, desto zurückhaltender wurden einige Landeskirchen, die den Tätigkeitsdrang der Laien ganz gern auf Bibelarbeit und Choralsingen beschränkt sähen. Allzu mündige Gemeinden sind lästig – darum hörte man hier und da ärgerliche Kritik. Es sei wichtiger, so hieß es, den Kirchentag auf das Zeugnis Christi zu konzentrieren, als ihn in eine "intellektuelle Volkshochschule" zu verwandeln.