Von Hildegard Hamm-Brücher

Einer, der mißvergnügt und betroffen war, protestierte: Es könne ja wohl auch nichts wirklich Gründliches dabei herauskommen, wem eine Reporterin – und sei sie eine so kompetente Kulturpolitikerin wie Frau Dr. Hamm-Brücher – Woche für Woche von Bundesland zu Bundesland gehetzt werde. Nun, so ist es natürlich nicht. Die Serie, deren sechste Folge wir hier veröffentlichen, wurde lange Zeit vorbereitet und liegt – mit Ausnahme eines Bundeslandes – seit langem abgeschlossen vor. Und: wo "Gründlichkeit" vermißt wird, müssen wir auf Fachzeitschriften verweisen. Hier kommt es darauf an, in großen Linien die bildungspolitische Situation in den einzelnen Bundesländern darzustellen. Das Bild, das sich aus unserer Serie ergibt, ist für den Laien noch immer verwirrend genug. Es kann auch nicht anders sein: Die bildungspolitische Situation in der Bundesrepublik ist nun einmal verworren – weil alles immer wieder in jedem Lande anders ist. Familien, die von einem Bundesland in ein anderes umziehen, wissen das. Andere urteilen darauf los, als ob es etwa "die deutsche Oberschule" wirklich gäbe. Hier die notwendigen Differenzierungen nahezulegen, gehört zum Sinn unserer Serie.

Die hessischen Mittelpunktschulen sind bereits zu einer Sehenswürdigkeit geworden. Die Kinder in Kirchhain oder im Schuldorf an der Bergstraße schauen kaum noch auf, wenn sich wieder ein Besucherstrom durch ihre weitläufigen Schulanlagen ergießt. Um so erstaunlicher ist der Anblick für Abgeordnete, Journalisten und Pädagogen aus allen Teilen der Bundesrepublik, wenn sie Landkinder im Sprachlabor beobachten können, Bauernmädchen bei rhythmischer Gymnastik und Dorfjugend bei der Erlernung des Periodischen Systems der Elemente.

Wenn der Unterricht zu Ende ist, rollen die Schulbusse heran. Schülerlotsen sorgen ziemlich rigoros für einen geregelten Abtransport. Drängelei wird nicht geduldet. Nach knapp einer Viertelstunde liegt das weitläufige Schulgebäude wie ausgestorben da.

Wenn man bedenkt, daß diese so selbstverständlich funktionierende und durch und durch vernünftige Methode, Landkindern zu einer vielseitigen Schulbildung zu verhelfen, noch vor wenigen Jahren in einigen westdeutschen Parlamenten zu kriegerischen Debatten geführt hat, zu Kanzelabkündigungen und Protestmärschen, dann möchte man voller Zorn die verlorenen Jahre beweinen oder die sinnlos in die einklassigen Schulen investierten Steuermillionen einklagen oder zumindest wieder einmal jenem schwedischen Baron von Oxenstierna recht geben, der seinen Sohn schon frühzeitig darauf aufmerksam machte, mit wieviel Dummheit doch die Welt regiert werde.

Nun, Hessen wird sozialdemokratisch regiert, und wer nicht anerkennen wollte, daß dort bildungspolitisch einiges Bemerkenswerte geschieht, der wäre ungerecht oder ignorant.

Noch 1956 gab es auch in Hessen 1034 einklassige Schulen, besucht von 17 Prozent aller Volksschüler; mittlerweile sind über 100 ausgebaute Mittelpunktschulen entstanden, und nur noch 4,7 Prozent der hessischen Volksschüler sitzen in einklassigen Schulen. Bis zu Beginn der siebziger Jahre hofft man mit dem ersten Teil der Landschulreform über den Berg zu sein: Dann wird auch das letzte verträumte Dörflein, welches bisher noch unter Führung konservativer Dorfgewaltiger dem neugegründeten Schulverband widerstanden hat (und nun zweimal täglich zusehen muß, wie der Schulbus vorbeifährt und die eigenen Dorfkinder im alten Schulhaus buchstäblich sitzenbleiben), die weiße, oder kulturpolitisch symbolisiert, die "rote" Fahne hissen.