SÜDDEUTSCHER RUNDFUNK

Sonnabend, 31. Juli, die Gedenkstunde:

Hätte der Süddeutsche Rundfunk diese Gedenkstunde in alleiniger Verantwortung und nicht zusammen mit dem "Bund der Vertriebenen" veranstaltet, er könnte sich vermutlich vor den Protesten der Vertriebenenfunktionäre nicht mehr retten. Edzard Schaper, selbst mehrfach vertrieben, streng konservativ, zutiefst religiös, sprach den Funktionären, die aus dem harten Schicksal der Vertreibung einen einträglichen Beruf und eine gefährliche Ideologie gemacht haben, mit einer Offenheit und Härte ins Gewissen, die vor ihm wohl noch kein "Linksintellektueller" angeschlagen haben dürfte.

"Wieviele Vertriebene", so fragte Schaper, "sühnen heute mit dem Los der Austreibung vielleicht auch Untreue gegenüber dem Staatswesen, in dem ihre alte Heimat lag, und gegenüber seinem Staatsvolk in der Stunde, da es schwach gegenüber dem Angreifer des eigenen Volkstums war." Er erinnerte an die erfolgreichen Versuche des Nationalsozialismus, die Institutionen minderheitsdeutscher Selbstverwaltung im Ausland als "fünfte Kolonne in den Dienst der angestrebten Weltsklaverei" zu stellen.

"Gedenken Sie nur einmal jener Flucht, welche die Umsiedlungen aus dem europäischen Nordosten einmal bedeutet haben. Deren problematischer Nutznießer, das baltische Deutschtum, hatte nur im persönlichen Gewissen des Einzelnen mit sich abzumachen gehabt, ob es die noch warmen Betten der vertriebenen Polen, in die es eingewiesen wurde, als brennende Hölle eines ungeheuren Völkerunrechts oder als traute Wärme eines neuen eigenen Heims aufzufassen habe."

Vor "politisch-pastoralem Pathos" und "rhetorischen Turnvater-Jahn-Klimmzügen" warnte Schaper, der die am nächsten Tag von den meisten Sendern ausgestrahlte Vertriebenenrede des Bundespräsidenten noch nicht kennen konnte. Lübke häufte in seiner Rede Anklage auf Anklage gegen das fremde Unrecht und gedachte nur im diskreten Nebensatz der eigenen Schuld, die wie selbstverständlich allein "auf das Geheiß der nationalsozialistischen Führung" zurückzuführen war.

Schaper dagegen: "Die Ausflucht, bei den heimatvertriebenen Deutschen habe es sich um Schuldlose, bei den Angeklagten der Kriegsverbrecherprozesse aber um kriminelle Übeltäter gehandelt, diese Ausflucht zählt nicht." Denn, daran erinnerte Schaper, der Vertreibung der Deutschen war eine "alle Menschenrechte spottende Entwürdigung fremder Völker als Untermenschen durch die deutsche Gewaltherrschaft vorausgegangen".