Werden uns in zwanzig Jahren Fernsehaugen an den Straßenecken beobachten? Wird man unsere Emotionen durch heimlich ins Trinkwasser gemischte oder im Brot verbackene Psychodrogen kontrollieren? Werden gezielte chirurgische Eingriffe in unsere Erbanlagen möglich sein? Oder wird es schwere Rückschläge geben, ähnlich der Contergan-Katastrophe? Wird uns das Ungestüm teuer zu stehen kommen, mit dem wir neue Forschungsergebnisse heutzutage in die Praxis übertragen ohne abzuwarten, bis ihr Für und Wider genügend bekannt ist?

Kaum je zuvor hat der technisch-wissenschaftliche Fortschritt eine solche Rasanz entwickelt wie in diesen Jahren, die uns in die Zukunft förmlich hineinkatapultieren. Fast täglich stehen wir vor neuen, zum Teil atemberaubenden Forschungsergebnissen oder hören von technischen "Wunderwerken", die alles Dagewesene, in den Schatten stellen. Und diese Entwicklung beschränkt sich, durchaus nicht auf Einzelgebiete. Sie hat die wissenschaftlich-technische Aktivität in der ganzen Welt ergriffen. Mehr oder weniger zwangsläufig sind die Forscher dabei aus ihrer Isolation herausgetreten und auf Tuchfühlung gegangen. Das Teamwork ist Mode und Notwendigkeit zugleich geworden. Überall brechen Querverbindungen auf, und die Beteiligten sehen sich in der Lage von Bergarbeitern, die in ihren unterirdischen Gängen nach Jahren einsamen Suchens von überall her das Pochen ihrer Kameraden hören.

Einen faszinierenden Niederschlag dieser forcierten Suche nach Welterkenntnis enthält das soeben erschienene wahrhaft "zukunftweisende" Werk

Robert Jungk und H. J. Mundt (Herausgeber): Unsere Welt 1985; Entwürfe von hundert Wissenschaftlern und Technikern aus fünf Kontinenten; Desch-Verlag, München 1965; 461 Seiten, 28,– DM.

Das Buch entstand aus einer Idee des englischen Redakteurs Nigel Calder von der Zeitschrift "New Scientist". Er vereint die Zukunftsvisionen mehrerer Dutzend Wissenschaftler und verdient unsere größte Aufmerksamkeit. Nahezu alle Aspekte unseres Lebens in den kommenden zwanzig Jahren von der Weltraumfahrt bis zu den Fragen der Gesundheit, der Verkehrsprobleme. der Bildung und Entwicklungshilfe...... – der Politik und der Wissenschaften schlechthin werden hier von Spezialisten behandelt, denen man solche Prognosen am ehesten abzunehmen bereit ist, weil sie selbst unmittelbar an den Hebeln sitzen, die die Welt heute bewegen.

Professor M. W. Thrings von der Universität Sheffield schreibt zum Beispiel über einen "Roboter im Haushalt". Er prophezeit den Hausfrauen einen stummen Diener, der ihnen "ein halbes Dutzend oder mehr" Routinearbeiten abnehmen kann, darunter Bodenscheuern, Auskehren, Abstauben, Geschirrspülen, Tischdecken und Bettenmachen. Interessant, daß immerhin 10 Prozent der Frauen bei einer Umfrage Bedenken hatten, einen solchen unheimlichen Geist aus Metall und gedruckten Schaltungen um sich zu wissen. Doch seien, schreibt Thrings, die Bedenken meist verflogen, wenn diesen Frauen erklärt wurde, daß man den Roboter jederzeit abschalten und sogar zwingen könne, in seinem Schrank zu verschwinden.

Nicht minder aufschlußreich klingen die Ausführungen David A. Mörses über unsere Freizeit im Jahre 1985. Sie gipfeln in der schlichten Bemerkung, daß es in einigen Ländern dem Bürger freigestellt bleiben könnte, ob er arbeiten wolle oder nicht, denn ein angemessenes Einkommen sei ihm in jedem Falle sicher.

Diese Beispiele sind blind herausgegriffen, und wollte man dem Leser die Freude vorwegnehmen, so ließen sie sich beliebig vermehren. Wenn man aber bedenkt, daß die meisten unter uns die Zeit in zwanzig Jahren noch miterleben werden, so möchte man dem Desch-Verlag zweierlei bescheinigen. Einmal, daß er nahezu wilddiebisches Spürtalent für ein hochaktuelles Thema bewiesen hat und zweitens, daß man dieses Buch kaum aus der Hand legt, ohne zahlreiche, höchst nützliche Winke für die eigene Zukunftsplanung erhalten zu haben. Theo Löbsack