Stand da vor zwei Wochen im "Spiegel" eine Notiz von erstaunlichem Inhalt: Minister Seebohm, als Staatsgast nach Portugal geladen, benutzte eine Lufthansa-Maschine, deren Ziel Santiago de Chile war. An Bord mehr als hundert Passagiere. Diese mußten es erleben, daß ihre Boeing nach Lissabon umgeleitet wurde, wo sie flugplanwidrig zwischenlandete. Der Herr Minister stieg aus. Zeitverlust für die Reisenden: eineinhalb Stunden. – Die Meldung wurde, wie es scheint, bisher weder gebührend de- noch kommentiert.

Das Dementi hätte notfalls so lauten können: Der Pilot hatte eine Freundin in Lissabon, deretwegen er dort zwischenlandete, worauf der Minister die Gelegenheit am Schöpfe ergriff: Er stieg aus. Liebe macht fast alles verzeihlich. Doch nun zu den Kommentaren.

Die Sozialdemokraten hätten versprechen können, daß ihre Minister, wären sie erst am Ruder, niemals Flugzeuge selbstherrlich umdirigieren würden. Die Menschen konservativer Gesinnung hätten auch den "Herrn im Hause"-Standpunkt vertreten können: Was Seebohm befiehlt, darf kein Flugkapitän verweigern; ohne Disziplin ist keine Luftfahrt möglich. Die Materialisten hätten ausrechnen können, wieviel Geld die Zeit wert ist, die von den hundert Passagieren dem Herrn Minister geopfert wurde: 150 mal X. Wobei es sich bei der ersten Zahl um die Summe der verlorenen Stunden, bei dem X aber um den Durchschnittswert dessen handelt, was so ein Boeing-Passagier stündlich verdienen würde, müßte er nicht wegen Seebohm warten; billig ist das nicht. Volkserzieher könnten nach dem bekannten Motto "Seid nett zueinander" kommentieren: War Seebohm nett zu den Portugiesen, so der Flugkapitän zu Seebohm. Und man kann sich leicht vorstellen, wohin das führt: "Wer will wohin?", so läßt der Kapitän die Reisenden durch die Stewardeß fragen. Und dann läßt er Flugplan Flugplan sein und fliegt jeden einzelnen der hundert Passagiere dorthin, wo er zu landen wünscht, und macht noch jedesmal eine hübsche Verbeugung.

Aber nein, keine Kommentare, weder wütende, noch ironische, noch solche, die frohgemut dem vermutlichen Dank der hundert Passagiere Ausdruck gaben, weil sie ohne den reizenden Einfall des Herrn Ministers sicherlich nicht so rasch Gelegenheit gehabt hätten, den Flugplatz von Lissabon kennen zu lernen – nichts von alledem. Daß hier ein Verkehrsflugzeug verkehrt verkehrte, bloß, weil der Verkehrsminister an Bord war – nicht einmal Trommler Grass scheint es bemerkt zu haben.

Kann es denn sein, daß man den Fall für ganz normal hält? Ist es denn wahr, daß Passagiere, die das Unglück haben, mit einem deutschen Verkehrsminister im selben deutschen Flugzeug zu reisen, klaglos die eventuellen Folgen tragen?

Schon Kurt Tucholsky hat zu den Grundanschauungen der Deutschen den Glaubenssatz gezählt: "Ein Obersekretär ist mehr als ein Sekretär." Wieviel ist da erst ein Minister mehr als ein Bürger! Nun befanden sich aber auch Ausländer in der Maschine, deren Flug- und Landeplan der Mitpassagier Seebohm ein bißchen änderte. Und es ist zu befürchten, daß es ihnen an Respekt vor einem eigenmächtig handelnden Minister gebricht, mochte der Herr getrost auf Dienstreise sein. Nicht autoritär, sondern korrekt: so wollen sie uns Deutsche, ob wir Minister sind oder nicht.

Im übrigen: Wenn ich den hundert Passagieren, die in Lissabon zwischenlanden mußten, ein versöhnliches Wort mitgeben darf: / hope you did enjoy our german flight! Zugleich versichere ich, daß ich nach alledem der letzte bin, der verhindern möchte, daß Seebohm fliegt, wenn er denn im öffentlichen Interesse fliegen muß.

Im Gegenteil, ganz im Gegenteil...