In den Häfen der Welt herrscht Ruhe. Doch mancher Reeder und mancher Kaufmann hält es für die Ruhe vor dem Sturm, vor einem Sturm, den der Konflikt in Vietnam auslösen und der zu einem Run auf Schiffe und Rohstoffe führen könnte – wie vor 15 Jahren, als der Korea-Krieg begann.

Als in der letzten Woche der Goldpreis in London den höchsten Stand seit der Goldhausse im Januar erreichte und amtlich um fast zwei Dollarcents auf 35,16 3 /3 Dollar für die Unze heraufgesetzt wurde, fiel sofort das Stichwort "Vietnam". Doch sprach man auch von einem "speziellen Käufer" und meinte damit die chinesische Volksrepublik. Aber auch mit dieser Vermutung gerät man wieder in den Bannkreis des asiatischen Brandherdes.

So leidenschaftlich das Für und Wider des Vietnam-Einsatzes Amerikas diskutiert wird, so leidenschaftslos reagierte der Welthandel bisher auf die Nachrichten vom südostasiatischen Kriegsschauplatz. Der Grund? "Noch nie ist eine Nation so gut vorbereitet in einen Krieg gegangen; sie kann ihren Verteidigungsverpflichtungen nachkommen und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum zu Hause sichern", schrieb das Nachrichtenmagazin Time.

Etwas mehr als vier Millionen Dollar geben die Vereinigten Staaten jetzt täglich für den Krieg in Vietnam aus. Der Kampfeinsatz eines Soldaten kostet den Steuerzahler 7265 Dollar im Jahr. Das Pentagon schätzt, daß der Vietnam-Einsatz im Haushaltsjahr 1965/66 rund 2,5 Milliarden Dollar erfordern wird, knapp doppelt so viel wie im abgelaufenen Finanzjahr. Bei einem Sozialprodukt von über 600 Milliarden Dollar kein Grund zur Beunruhigung. So nimmt denn auch Wall Street, das empfindlich reagierende Wirtschaftsthermometer der USA, die Entwicklung relativ gelassen hin.

Um den Nachschub von 125 000 Tonnen Kriegsmaterial nach Südostasien sicherzustellen, hat das Verteidigungsministerium angeordnet, 14 der eingemotteten Victory-Schiffe aus dem Zweiten Weltkrieg wieder einsatzbereit zu machen. 50 Frachter, so heißt es, genügen gegenwärtig für die Transporte nach Vietnam.

Es sieht also nicht so aus, als ob die USA schon bald genötigt sind, auf ihre Reserveflotte von rund 11 Millionen Bruttoregistertonnen zurückzugreifen, zumal sie sich neben ihrer eigenen Flotte, der zweitgrößten der Welt, noch auf eine mobile Reserve stützen können, da ein erheblicher Teil der Flotten Liberias (16,5 Millionen BRT) und Panamas (4,5 Millionen BRT) mit amerikanischem Geld finanziert und von Amerikanern kontrolliert wird.

Vor 15 Jahren, in der Korea-Krise, standen bereits acht Wochen nach Kriegsbeginn 350 Schiffe im Dienst des amerikanischen "Military Sea Transport Service", teils von amerikanischen, teils von ausländischen Reedern gechartert. Die US-Regierung ließ damals 500 Liberty- und 100 Victory-Schiffe aus dem Zweiten Weltkrieg entmotten, um der Schiffsknappheit abzuhelfen.