Von Joachim Schwelien

Der unerklärte und dem amerikanischen Volk kaum erklärbare Krieg in Vietnam beschert der militärischen Führung der USA täglich neue und überraschende Erkenntnisse – er zwingt sie beständig zu einer Änderung ihrer Taktik. Für die Amerikaner ist dies der erste politischmilitärische Aufstandskrieg ohne Fronten. Zwar kommen ihnen die Erfahrungen der Franzosen in Indochina und in Algerien sowie der Engländer in Malaya zugute, aber sie müssen doch von grundsätzlich anderen Voraussetzungen ausgehen, da sie weder eine Stellung als Kolonialmacht verteidigen, noch eine kommunistische Rebellion auf eigenem Gebiet oder im unmittelbaren Interessenbereich niederringen.

Der amerikanische Eintritt in den Krieg in Vietnam vollzog sich ganz klassisch als Erfüllung eines Hilfeversprechens an ein befreundetes Land – mit dem Ziel, die eigene Beteiligung so niedrig wie möglich zu halten. Anfangs wurden lediglich die einheimischen Verbände beraten, die eigenen Soldaten nur auf Anforderung der Regierung in Saigon eingesetzt. Amerika ist in den fünf Jahren von 1959 bis 1964 nur als "Hilfsmacht" auf diesem Schauplatz in Erscheinung getreten.

Das hat sich seit Beginn der Bombenoffensive gegen Nordvietnam und mit der Stationierung immer größerer amerikanischer Einheiten im Süden von Grund auf geändert. "Das ist ein wirklicher Krieg!" rief Präsident Johnson in seiner Pressekonferenz, in der er die Verstärkung der amerikanischen Truppen in Südvietnam auf 125 000 Mann und die Verdoppelung der monatlichen Einziehungsquote für Wehrpflichtige auf 34 000 Mann verkündete. Amerika ist von nun an Kriegsteilnehmer, auch wenn es keine Kriegserklärung durch den Kongreß und keine vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschlossene Polizeiaktion gibt – ja, nicht einmal ein gemeinsames Oberkommando in Saigon oder eine ausdrücklich erklärte selbständige Operationsfreiheit für die amerikanischen Verbände.

Krieg ohne Kriegszustand oder ein Dauerkriegszustand ohne völkerrechtlich anerkannten Gegner (denn mit der Nationalen Befreiungsfront für Südvietnam, dem politischen Arm des kommunistischen Vietkong, will Washington bekanntlich nur verhandeln, wenn sie als Bestandteil der nordvietnamesischen Regierung aufträte) – das ist die neue politische Lage, mit der sich Amerika vertraut machen muß.

Wichtig sind vor allem die militärischen Auswirkungen. Obgleich in der Regierungszeit Kennedys die Special Forces, die Sonderkampfverbände für den Aufstandskrieg auf rund 8000 Mann verstärkt worden sind, hat die Eifersucht der Armee bewirkt, daß sie in Südvietnam niemals voll beschäftigt wurden; zu keiner Zeit waren mehr als fünfhundert Mann dieser mit dem grünen Barrett gekennzeichneten Eliteeinheit gegen den Vietkong eingesetzt. Jetzt aber werden die großen Verbände, die auf den acht Stützpunkten und Brückenköpfen von Da Nang über Cam Ranh bis Bien Hoa stationiert sind, systematisch auf die gleiche Aufgabe umgestellt, die ursprünglich den Special Forces zugedacht war.

Sie gehen von der stationären Sicherung der festen Plätze und der Rückendeckung für die südvietnamesischen Regierungstruppen allmählich zur gewaltsamen Aufklärung und unabhängigen offensiven Operation gegen den Vietkong über. Da dieser nicht daran denken wird, sich den an Feuerkraft weit überlegenen Amerikaner in offener Feldschlacht zu stellen und da die Amerikaner nicht hinter jeden Baum im Dschungel einen Marineinfanteristen oder einen Fallschirmjäger aufstellen können (täten sie es, dann benötigten sie nach sachkundigen Schätzungen mindestens vier Millionen Soldaten in Vietnam), müssen sie eben zur typischen Partisanenbekämpfung übergehen: ausgedehnte Nachtpatrouillen, aufgelockertes Ausschwärmen in kleinen Einheiten, Aufstöbern des Gegners in seinen Verstecken und politischer Gegenfeldzug unter der Bauernbevölkerung. Amerika muß also den ersten politisch-militärischen Feldzug seiner Geschichte führen. Seine ganze Armee in Südvienam muß lernen, was der kleinen Sondereinheit der Special Forces als Aufgabe zugedacht war.